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Volltext: Monatszeitschrift IX (1906 / Heft 4)

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rakterischer finden können. Ihr dunkles Colorit, aus schwarzem und 
braunem Holze zusammengelegt, die kräftige Platte, die soliden, unten 
verbundenen Beine mit ihren Kugeln, dazu die Löwenköpfe und Messing 
ringe in ihrem Maule — sie repräsentiren völlig, was wir uns unter der 
Solidität der Gemüthlichkeit, der Behaglichkeit der alten Wohnung vor 
stellen, und doch geht ihnen eine gewisse Vornehmheit in ihrem Ernst 
und ihrer Festigkeit nicht ab. Es ist eben keinerlei Schwindel dabei, der 
heute mit Schnitzwerk und Figuren unter dem Tische sein Wesen treibt. 
Bei der Einfachheit, bei der Leichtigkeit der Herstellung und also der 
Billigkeit ist auf der ganzen Ausstellung kaum etwas, was sich so sehr 
der directen Verwendung für moderne Zwecke empfiehlt. Ein anderer 
Tisch des siebzehnten Jahrhunderts, welcher Beachtung verdient, ist Nr. 48, 
Eigenthum des Herrn Weyden. Er ist interessant durch die alte, aus dem 
Mittelalter überlieferte Construction, die sich noch heute im Bauernmobi 
liar erhalten hat — leider nur in diesem! Ein Paar portugiesische Tische 
aus der gleichen Zeit, die in merkwürdiger Weise ältere Motive mit denen 
des siebzehnten Jahrhunderts vereinigen, Eigenthum des Herrn Bourgeois, 
haben erst in den letzten Tagen willkommene Ergänzung gebracht, daher 
sie noch nicht mit in den Katalog aufgenommen sind *). 
Auch vom übrigen Hausrath birgt die Ausstellung noch manches 
Stück, doch tritt es, weil vereinzelt, nicht so lehrreich und bedeutend 
auf. Nur eine Anzahl Rahmen, sei es für Bilder, sei es für Spiegel, ver 
dienen noch besondere Erwähnung. Das moderne Antiquariat verwechselt 
sie oft und benützt für Spiegel, was einst Bilderrahmen war. Dies gilt 
z. B. von dem interessanten Stück Nr. 164, Eigenthum der Frau v. Lit- 
trow, nicht aber von dem reizenden Spiegel des Grafen Edmund Zichy 
Nr. 148, bei welchem zwei Figuren, ein Herr und eine Dame in der ele 
ganten Tracht von etwa i635, mit coquet graciöser Bewegung so ange 
bracht sind, dass sie ihre liebenswürdige Erscheinung im Spiegel betrachten. 
Auch das Rococo hat von Spiegeln eine Anzahl zur Ausstellung ge 
liefert, meist kleinere Stücke mit capriciösem, keck und willkürlich her 
ausspringendem Ornament, sämmtlich Eigenthum des Herrn v. Falbe. 
Welchen Gegensatz bildet dazu der prächtige Rahmen des sechzehnten 
Jahrhunderts aus der schönsten Venezianer Zeit, vollkommen angemessen, 
ein Tizian’sches Portrait oder einen ernsten, dunklen Tintoretto in sich 
zu fassen! Wir meinen Nr. i52, Eigenthum des Grafen Hoyos. Zwischen 
diesem Ernste und der Ueberleichtigkeit des Rococo stehen in der Mitte 
mit ihrem Charakter zwei mit Laub und zum Theile mit Figuren reich 
geschnitzte Spiegelrahmen, Nr. 5g und 60, wohl niederländischen Ur 
sprungs. Beide sind Eigenthum des Fürsten Johann von Liechtenstein. 
Ein geschnitztes Weihbrunngefäss (Nr. 140, Eigenthum des Grafen Hoyos) 
schliesst sich an Zierlichkeit und Schönheit ihnen an, obwohl es etwas 
älter und italienischen Ursprungs ist. 
*) Einer davon wurde für das Museum erworben.
	            		
19 Alle diese Gegenstände — es gibt gewiss viel schönere und reichere noch, als wir sie hier auf der Ausstellung sehen — haben einen Vorzug: sie sind lehrreich. Und das ist’s, worauf es ankam. Die Rahmen z. B. bilden sämmtlich einen Gegensatz zu den modernen. Die heutigen treten hoch und massig mit ihren Profilen von der Wand heraus und schliessen das Bild tief in einen Kasten ein; die alten schmiegen sich flach an die Wand und bilden daher zugleich eine Decoration für diese. Die unseren zerstören ästhetisch die Wand, die alten schmücken sie. Und so wird man auch den übrigen Arbeiten, den Kästen, Schränken, Buffets, dem Sitzgestühle, wenn man ihre Eigenthümlichkeit studiren will, gesunde und brauchbare Motive entnehmen; wird man an ihnen lernen, auf den Grund der Dinge zu schauen und sich nicht blenden zu lassen von dem glän zenden Beiwerk, womit unsere modernen Arbeiten so häufig die mangel hafte Anlage verdecken. Wie unscheinbar treten uns auf den ersten Blick alle diese alten Gegenstände entgegen, denen alle Politur, »Europa’s über tünchte Höflichkeit« zu mangeln scheint, an denen die Zeit zum Theil schon arge Zerstörung angerichtet hat, — und dennoch, je mehr wir uns mit ihnen abgeben, auf ihr Wesen uns einlassen, desto lieber gewinnen wir sie, desto mehr lernen wir sie schätzen in ihrer gesunden, tüchtigen Kernhaftigkeit. VI. In jüngster Zeit ist diese Ausstellung, wie die neue Ausgabe des Kataloges nachweiset, wiederum um eine Anzahl interessanter Möbelstücke bereichert worden, so dass wir es nicht unterlassen können, unserem bis herigen Berichte einen Nachtrag anzufügen. Auch bekennen wir gerne, in dem Bestreben, kurz zu sein, den einen oder anderen Gegenstand minder berücksichtigt oder wohl gar übersehen zu haben. Dieses Vergessen hat zum Beispiel einen eigenthümlichen Wandkasten aus dem Besitze des Herrn Trau betroffen (Nr. 134), den wir noch hätten den spanischen Arbeiten anreihen sollen. Auf einer Anzahl leichter Säul- chen, die den unteren Theil offen lassen, erhebt sich ein mässig hoher Kasten von braunem Holze, der ganz auf seinen Flächen wie um die Säulen herum mit eingelegten Arabesken, Blumen und Cherubimköpfen in Perlmutter bedeckt ist. Geben diese Köpfe so wie die Zeichnung des Ornaments christlichen Ursprung zu erkennen, so bilden der Aufbau des Kastens wie die Technik der Verzierung entschieden eine maurische Re- miniscenz. Letztere ist noch heute von den Türken in ihren zahlreichen musivischen Perlmutterarbeiten, mit denen sie ihre Möbel bedecken, fest gehalten. Haben wir in diesem Stück aus Spanien eine »westöstliche« Tradi tion, so hat uns auch der eigentliche und ferne Orient nicht im Stiche gelassen. Längst bekannt sind den Besuchern des Museums die mit Stift- 2
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