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MAK

Full text : Monatszeitschrift IV (1901 / Heft 4)

ECESSION. Die X. Ausstellung derSecession ist, zum Unterschiede von den früheren,

ausschliesslich von Mitgliedern besorgt. Wiederum ist das Innere des Gebäudes, nach

Dispositionen Josef Hoffmanns, von Moser, Pletschnik und Leopold Bauer ausgeführt, ein

neuerfundener Raum von origineller Wirkung. Der viereckige Mittelraum, der seine Rückseite

 dem Eingange zukehrt, hat nämlich gegenüber ein grosses flaches I-Iemicycle, das durch

eine Reihe von Porträts in eine Porträtgallerie verwandelt ist. Der glückliche Gedanke hat

auch im Publicum grossen Anklang gefunden. Am meisten freilich beschäftigt sich dieses

mit dem neuen Deckenbilde Klimts für die Aula der Universität. Diesmal ist es die „Medicin",

oder wie sie privatim heisst: die „Hygiea". Selbstverständlich hat auch sie einen grossen

Sturm der Meinungen entfesselt. Die Wogen der Entrüstung schlugen bis ins Parlament

hinein, in Feuilletons, am Vorlesetisch und im „Eingesendet" wurde das Streitthema des

Tages leidenschaftlich besprochen. Der Inhalt des Bildes ist dem der „Philosophie" analog.

Wiederum ist es eine leuchtende Gestalt, diesmal die l-Iygiea, in Purpur und Gold, der zu

Häupten das Gewühl der Menschheit dahintreibt, Personiiicationen von Lust und Leid, von

Leben, Dulden und Sterben, und mitten in dem Getümmel der Gestalten der knöcherne Tod,

dem sie alle verfallen sind. Unter den anderen Bildern Klimts ist eine modern archaisirende

„]udith", ein Phantasiestück von apartem Reiz, mit der noch unvergessenen Pallas Athene

verwandt. Dazu kommen zwei interessante Damenporträts und einige Landschaften, unter

denen ein sehr persönlich gesehener ,.Attersee" vom Ministerium angekauft wurde. In der

Porträtgalerie sind einige Bilder ganz hervorragend. So die beiden alten Damen Bachers,

in schwarzem Strassenanzug, von ungemein sympathischem Wesen, auch der gediegenen,

harmonischen Malweise wegen, dann das coloristisch üppige von Mehoffer (Krakau), das

urwüchsige Stegreifbild Andris (der Bildhauer Schimkowitz), ein keck charakterisirtes

Herrenporträt Engelharts, ein japanisirendes Damenbildnis der begabten Frau Luksch-Makowsky

 u. s. f. Unter den Landschaften sind zunächst die stillen, feinen Bilder Molls zu

nennen, dern aber auch die Lösung eines hochmodernen Beleuchtungsproblems gelungen

ist: ein Speisesaal mit gedecktem Tisch und drei lebensgrossen Figuren, die vorne von

elektrischem, rückwärts von kaltem Schneelicht aus dem Garten her beleuchtet sind. Auch

Bernatzik ist in einer Weihnachtsvision mit farbigen Nebeln und weissgeiliigelten Engeln

sehr poetisch. Lists Kirchgang ist, namentlich in seinen weissen Dingen, sehr fein,

Friedrichs vortreffliche Schneeschaufler (vom Ministerium angekauft), Lenz' landschaftliches

 Triptychon u. a. bedeuten starke Fortschritte. Sehr eigenartig tritt die Plastik auf.

Richard Luksch hat rnit seinem „Wanderer" eine neue Note angeschlagen. Eine lebensgrosse

 nackte Figur, kraftvoll aus Eichenholz geschnitzt, wandert über felsigen Boden

(grauer Stein), der um ihn her allerlei schreckende Menschen- und Thierformen annimmt.

Es sind die Gedächtnisbilder des Lebenswanderers. Das ist alles mit ungewöhnlichem

Talente gestaltet, und in technischer Hinsicht dürfte das Werk nicht isolirt bleiben, vielmehr

den Geschmack für weitere Möglichkeiten der grossen Holzplastik wieder beleben. Auch

einige plastische Phantasiestücke des jungen Polen Biegas (Krakau), wohl von Rodin

beeinflusst, erregen viel Aufmerksamkeit, Schimkowitz' grosse Christusstatue (von der

Regierung bestellt) macht durch die Zurückführung von Form und Ausdruck auf die

einfachste Formel einen starken Eindruck. Auch Otto Wagner ist diesmal unter den

Ausstellern. Man sieht seinen von Paris zurückgekehrten Entwurf für einen Neubau der

Kapuzinergruft (mit Gedächtniskapelle für weiland Kaiserin Elisabeth) und einen für das

Museum der Stadt Wien. Sie sind nach den bekannten Grundsätzen des Künstlers mit

grosser Umsicht durchgearbeitet, Einzelheiten würden unseren dermaligen Raum übersteigen.

 Ferner ist eine Vitrine voll modernen Silbergeräths, nach Wagners Entwürfen

von Klinkosch ausgeführt, ein Hauptstück der Ausstellung. Einige erlesene Möbel von

Hofmann und Moser fehlen nicht; ein Mosefscher Kasten von knappstem Biedermaierformat

ist aufs niedlichste mit Intarsien verziert: sechs Prinzessinnen mit Elfenbeinprofilen und

fallenden Perlmutterthränen.
            
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