Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatszeitschrift XX (1917 / Heft 6, 7 und 8)

Begabung volle Entwicklungsfreiheit. Auge, Ohr und Hand unterstützen sich gegenseitig

in dem Bemühen, dem Werkzeug und dem Material das Beste abzugewinnen, den Rhythmus

 der Arbeit voll auszubilden. Temperament und Begabung wählen die Richtung der

Betätigung. Alle Techniken und Hilfsmittel alten und neuen Handwerks dürfen benützt

werden, sobald sie ehrlich und sinngemäß angewendet werden. Dann geht das Kunstwollen

 als etwas Selbstverständliches in das Individuum über; dann wird der Instinkt

geweckt und gekräftigt, der immer und überall die künstlerische Note herausfühlt, sucht

und fordert. Wenn auch die verstandesmäßige Erziehung oft später die Kraft der ersten

künstlerischen Betätigung lähmt, die dem ungebrochenen Trieb eigen war, so bleibt doch

das geweckte Unterbewußtsein tätig und veredelt die Urteilsfähigkeit während des ferneren

Lebens. An vielen und überraschenden Beispielen wurde in Lichtbildern gezeigt, wie vielfältig

 die Wege sind, die an der Mutterschule neuer Jugenderziehung - im Jugendkurs

des Vortragenden - begangen werden. Er erläuterte zuerst die Probleme, die er den Kindern

gelegentlich stellt, und jene, welche die Kinder selbst wählen. Er zeigt die Nachwirkung

des Milieus, in dem die Kinder aufwachsen, die Verschiedenartigkeit vererbter Anlagen,

das Einwirken momentaner Eindrücke am Wege zur Schule, beim Spiele und im eigenen

Heim. Zuerst stellte er die Vielfältigkeit der Wiedergabe nach Neigung und Begabung dar

und wie alle graphischen, malerischen, plastischen, dann alle gewerblichen Techniken von

dem Kindeswillen bezwungen werden können, wenn er stark genug auftritt und Gelegenheit

 zur ungehemmten, aber zielbewußten Tätigkeit Findet. Die führende Hand soll nur

Wege zeigen, nicht Kräfte hemmen.

Dann führte er Einzelbegabungen in ihrer individuellen Entwicklung und Selbstbestimmung

 vor. Die zahlreichen Überraschungen ergeben sich von selbst und schaffen ein

ewig wechselndes Bild von der Mannigfaltigkeit und Lebendigkeit des Kunsttriebes, der so

oft im Kinde stärker und reiner ist wie im fertigen Menschen.

UNSTAUKTION IM PALAIS AUERSPERG. Unter ungewöhnlich günstigen

 äußeren Bedingungen konnte eine zugunsten der Tuberkulösenfürsorge eingeleitete

 Wohltätigkeitsaktion durchgeführt werden. Einer der vornehmsten altaristokratischen

 Paläste Wiens mit seinem herrlichen Park gab den äußeren Rahmen. Die Werbekraft

 führender Persönlichkeiten der Gesellschaft hat ihr volles Interesse eingesetzt und

die gesamte Wiener Künstlerschaft und ein beträchtlicher Kreis wohlwollender Mäzene

haben bereitwillig dem Ruf Folge geleistet. Dadurch wurde die Veranstaltung in gewissem

Sinne eine Abbildung unserer gegenwärtigen Kunstinteressen und Leistungskraft. Eine Abteilung

 von Bilderspenden aus Privatbesitz und von alten kunstgewerblichen Gegenständen

trug dem starken Sammeleifer weiter Kreise Rechnung und ließ in ihrer Auswahl von

vielen Arbeiten der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts zugleich erkennen, wie sehr

diese Zeit in der Wertschätzung gestiegen ist. Alle Künstlerverbände waren durch Bilder,

plastische und graphische Kunstwerke vertreten, die nach diesen Gruppen zusammengeschlossen

 ihre Aufstellung fanden, so daß auch alle Kunstrichtungen verstärkt in Erscheinung

 traten, wie bei einer Revue.

Was aber die Freunde unserer starken und lebenskräftigen Werkbundbewegung

besonders erfreuen durfte, war die Tatsache, daß der schönste Raum, der ovale Mittelsaal,

für die Aufstellung moderner kunstgewerblicher Leistungen vorbehalten blieb.

Zum ersten Male trat hiedurch die Anerkennung dieser Leistungen durch führende

Persönlichkeiten aus dem konservativsten Kreise der Kunstfreunde hervor". Zugleich konnte

eine Probe darauf angestellt werden, wie die Leistungen in einem alten historischen

Rahmen zu wirken vermögen. Trotzdem diese Arbeiten in Vitrinen verbunden, also in

Gruppen und mit starker Wirkung auftraten, war keine Dissonanz zu fühlen.

Das herrliche Bauwerk mit seinen prächtigen Räumen besitzt wohl nicht mehr den

Charakter seiner Erbauungszeit, der Blütezeit Wiener Barockkunst. Die innere Ausgestaltung

 entstammt der Empirezeit und teilweise einem noch späteren nicht glücklichen
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.