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Volltext: Monatszeitschrift XXI (1918 / Heft 1 und 2)

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reiche wird beschämt. In der anderen Ballade bekundet die Composition eine echt 
künstlerische Empfindung. Das Mädchen heiratet einen armen Hauerburschen und ihre 
Mutter einen Putzigen Schneidergesellen; jede Strophe erzählt, wie gut es der Mutter geht 
und in welcher Armuth die Tochter lebt, wobei der Kehrreim immer lautet: „Meiner 
Mutter Freude ist das schmucke Schneiderlein, aber mir zum Leide dient der arme Hauer 
mein." Die letzte Strophe lautet dann: 
„Mit dem Stock die Mutter weckt das schmucke Schneiderlein, 
Mich mit Täubchenkuß der arme Hauerbursche mein, 
Mir zur Freude war der arme Hanerbursche niein, 
Mütterchen zum Leide war das schmucke Schneiderlein." 
Wenn wir die Sammlungen magyarischer Volkspoesie durchgehen, welche freilich 
noch immer sehr lückenhaft sind, erkennen wir, daß die Volksdichtung von dem wirklichen 
literarischen Niveau durch nichts getrennt ist, denn während jene in ihrer allgemeinen 
Färbung den Schmelz der wahren Poesie aufweist, haben hinwiederum auch unsere hervor 
ragenderen Dichter selber der Volksdichtung den in dieser herrschenden rhythmischen 
Wohllaut, die Assonanz, die Vorreime abgelernt, sowie die Anwendung von Bildern aus 
der Natur, die mit wenigen Worten vielsagende Gedrängtheit des Ausdrucks, die plötzlichen 
Wendungen des Gedankenganges und so fort, so daß man wohl sagen kann, es habe bei 
uns der Helikon vom Felde gelernt, und neben unseren berühmten Dichtern steht ein 
Dichter größer als sie alle: das Volk, namenlos und doch unsterblich! 
Die magyarischen Sprichwörter. 
Zu den Geisteserzeugnissen des Volkes gehören auch noch die Sprichwörter. Diese 
enthalten die Lebensweisheit des Volkes, seine höchsten Lebensgrundsätze, die Ergebnisse 
seines Sinnens und Denkens. Echt sind diejenigen, welche eine regelrechte Form haben. 
In solchen haben Geist und Gemüth vereint ihre Prodnete niedergelegt. Es sind dies zwei 
oder mehrere entsprechende Sätze oder Redensarten, mit einem gewissen Rhythmus und 
Wohlklang ausgeprägt. Was formlos ist, daran haben Gemüth und Schönheitssinn kein 
Theil, es ist nur übernommen worden oder nur einseitiges Werk des Verstandes. 
Charakteristisch sind in ihnen die sittlichen und sonstigen Anschauungen des Volkes. 
Sie bezeugen, ans welche Art das Volk zum Beispiel sein eigenes menschliches Verhältniß 
aufgefaßt hat. 
Schlagen wir nur in unseren Sammlungen das Wort „Mensch" auf: „Mensch 
und Mensch gehören zusammen" (können nicht ohne einander sein); — „Mensch und
	        
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