Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 4, 5 und 6)

Probearbeit sollte das Modell für eine der Füllungen, darstellend die Vertreibung

 aus dem Paradiese, eingeliefert werden. Mit großer Spannung

wurde auch hier die Entscheidung der Preisrichter erwartet und man kann

sich vorstellen, daß der ganz junge Sieger sofort in einem gewissen Strahlenglanze

 des Ruhmes stand. Wie man an New-York nicht den künstlerischen

Maßstab des Florenz der Frührenaissance, wird man natürlich an die Arbeit

Bitters nicht den Maßstab Ghibertis oder gar Brunelleschis anlegen. Die

Lösung einer solchen Aufgabe - auch einige der gewaltigsten Bilder der

Offenbarung Johannis waren unter ihr begriffen - erfordert ein für sie reifes

Zeitalter oder einen über das Zeitalter hinausragenden reifen Geist: sie

einem jüngling unserer religions- und gemütsschwachen Zeit zumuten, heißt

Unmögliches verlangen. Bitter hat sich noch verhältnismäßig gut aus der

Sache gezogen, seine Arbeit zeigt eine gute, gleichmäßige Haltung, glückliche

Raumverteilung und viele liebenswürdige Züge; er folgte wie immer seiner

eigenen Natur, ließ sich von der Aufgabe nicht drücken und tat sich selbst

nicht Gewalt, indem er sie besser machen wollte als er eben konnte. Und

so ging er ungeschädigt aus ihr hervor.

Es war nur natürlich, daß so große Erfolge in so jungen Jahren das

Selbstbewußtsein sehr heben und einen gewissen Rausch und Übermut

erzeugen mußten. Zum Glück sollte Bitter Gelegenheit haben, diesem ungezügelten

 Überschüsse an Kraft Raum zu geben, ohne an seiner Kunst

Schaden zu leiden. Ungeberdigen jungen Pferden läßt man beim Zureiten

die Zügel zuweilen schießen und jagt sie bis zur Erschöpfung; so eine Art

bildhauerisches wildes jagen bot Bitter die Weltausstellung in Chicago im

Jahre 1893, bei welcher ihm die ganze Skulptur des Hauptgebäudes -

The Administration Building -, dessen Schöpfer Hunt, und eines anderen,

dessen Architekt Geo. B. Post war, übertragen wurde: zahllose Gruppen

und Einzeltiguren von überlebensgroßem und kolossalem Maßstabe. Das

wäre eine Aufgabe für die Fa-presto-Meister des Barock gewesen. Bitter

ging mutig ans Werk, entwarf ein Programm, das von allem Fortschritt,

Beherrschung von Naturkräften, Aufstieg von Barbarei zur Zivilisation, von

Handel, Industrie und Kunst den Ruhm mit vollen Backen ausposaunte.

Man kennt die Fanfaren, über die wir heute, nachdem all die Gipsgötzen

zerbröckelt sind, lächeln; Bitter selbst hat auch bald über diesen Eintagszauber

 gelächelt. Aber ein Dauerndes blieb doch davon zurück. Da war vor

den nüchternen Amerikanern eine ganze Märchenstadt - The White City,

die Weiße Stadt, nannte man sie - auf das Wort der Kunst aus dem Boden

gewachsen und mit der Architektur hatte auch die Skulptur ihren Zauberstab

geschwungen. Das Selbstverständliche, Uralte wurde wie eine neue Offenbarung

 bewundert und machte Schule. I-Iunt war befriedigt, einmal im großen

Stilzeigen zu können, wie er sich eine der jungen, mächtigen Republik würdige

Architektur dachte, und in einem Werke auszusprechen, daß Architektur

selbst im Grunde nur angewandte Skulptur sei; und für Bitter hatte die Arbeit,

außer der Steigerung seines öffentlichen Ansehens, die Bedeutung, daß er
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.