Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 7, 8, 9 und 10)

betrachten und vor allem die hohe Freiheit romanischer Gestaltungskraft in

Rücksicht ziehen, die in dem berühmten getriebenen Silberkelch lebendig

ist, nur aus einem über die Klosterzelle hinausreichenden, längst tief eingewurzelten

 technischen Können erklärt werden.

Die handwerkstätigen Hausgenossen der weltlichen Herren bringen

hervor, was das Leben zunächst erfordert, nicht nur Hausgerät aller Art,-auch

 alle Arbeitsmittel zu ihrer Herstellung. Aus ihrem allmählich sich

hebenden Können entwickeln sich die Ideen immer neuer Kulturbedürfnisse

und die Möglichkeiten ihrer technischen Befriedigung. Indem sie mit ihren

Herren, als deren ständige Reisegenossen, das Land durchziehen, lernen sie

andere Gebräuche, Arbeitsmethoden und Arbeitsmittel wie auch neue verwertbare

 Materialien kennen. Zuwanderer und vor allem die Kreuzfahrer

helfen ihren Gesichtskreis erweitern. Weite Kreise der Landbevölkerung

piiegen primitive Metallarbeit, Töpferei, Schreinerei und vor allem Weberei.

Außerdem wird auf den Domänen, in den gemeinsamen Arbeitsstätten der

Frauen jener Hausgenossen, gewoben und gesponnen und die Herstellung

von Gewändern betrieben.

' Kunstwerkstätten in Frauenklöstern, in denen wie unter der Leitung der

adeligen Äbtissin Kunigunde im XIII. Jahrhundert Glanzleistungen der Nadelmalerei,

 des Zopf- und Kettenstiches, wie sie der Gösser Ornat erweist, hervorgebracht

 werden, zeigen gerade durch die Altertümlichkeit ihrer stilistischen

Auffassung eine feste Tradition höchster Kunstfertigkeit, deren technische

Grundlagen auf der Frauenarbeit an den Herrensitzen ruhen und auf sie wirken.

Eine doppelte wirtschaftliche Funktion hatte die Arbeit der Hausgenossenschaften

 vom frühen Mittelalter an zu erfüllen: durch Deckung des

sich stets erhöhenden Eigenbedarfes die Menschen unabhängig zu machen

von fremder Arbeit, wie sie durch den Handel aus vorgeschrittenen

Ländern sich aufdrängte, und den Überschuß der eigenen Hervorbringung

an andere minder vorgeschrittene abzugeben im Wege des Tauschverkehrs,

 der eine höhere Wirtschaftsform darstellt. Wir müssen annehmen,

daß auf der Donaustraße sich schon frühzeitig ein Tausch- und Kompensationsverkehr

 mit Ungarn entwickelt hat, wobei kunsthandwerkliche Ware

auf österreichischer und außer Nahrungsmitteln vor allem Rohstoffe (Metalle:

Gold, Silber und wohl auch Kupfer und Zinn) auf ungarischer Seite eine

Rolle spielten. Die Christianisierung Ungarns seit Stephan dem Heiligen

führte aus dem Westen Bauhandwerker dahin, welche die Kirchen errichteten;

 die Geräte des Kultus aber, vornehmlich Edelschmiedearbeiten, mögen

von Wien, Wiener-Neustadt, Klosterneuburg, Krems und von Süddeutschland

 solange dahin geliefert worden sein, bis die Entwicklung des Städtewesens

 die Ansiedlung von Kunsthandwerkern in Ungarn ermöglichte,

welche bis Siebenbürgen hinunter aus Österreich und Ost- und Südwestdeutschland

 einwanderten.

So griff die handwerkliche Arbeit der Hausgenossenschaften lange vor

der Organisierung städtischer Gewerbe tief in das Wirtschaftsleben der Zeit
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.