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Full text: Monatszeitschrift XXIII (1920 / Heft 7, 8, 9 und 10)

die nur mehr ein recht loses Verhältnis zu diesem Handwerk hatte. Darin lag Günthers 
Bedeutung, dessen Bestrebungen aber um so mehr Anerkennung verdienen, als sie auf 
einem Boden gepflegt wurden, der seiner Kunst - der Buchbinderei - nur recht wenig 
Interesse und, man muß es leider sagen, auch wenig Verständnis entgegenbrachte. 
Während in Deutschland und vor allem in England mit dem Wiederaufleben der buch- 
künstlerischen Bestrebungen um die Jahrhundertwende auch die Handbuchbinderei wieder- 
erweckt und der Versuch gemacht wurde, den maschinellen Erzeugnissen auf diese Weise 
ein Gegengewicht zu bieten, blieben diese Versuche auf österreichischem Boden fast 
ohne Nachahmung. Es waren hier nur einige wenige, unter ihnen vor allem Günther, die 
es sich zur Aufgabe machten, gediegene und schöne l-landeinbände zu verfertigen und 
mit ihnen den Beweis zu liefern, daß diese Kunst auch hier noch nicht verlorengegangen 
sei und durch die Maschine vernichtet wurde. Günthers Grundsätze waren vorbildlich: In 
erster Linie mußte ein Einband solid und widerstandsfähig gearbeitet sein und zweitens 
mußten Buch und Einband im richtigen Einklang miteinander stehen. Nur einem Buche, 
das ihm inhaltlich und in bezug auf Druck und Ausstattung bedeutsam und wertvoll 
erschien, billigte er einen Ledereinband zu, und oft konnte man ihn klagen hören, wenn er 
irgend ein gleichgültiges oder schlecht gedrucktes Buch in kostbares Material binden mußte. 
Er verfügte über die reichsten Fach- und Materialkenntnisse auf seinem Gebiete und 
war für viele junge Schüler und Freunde seiner Kunst der väterliche Berater und Weg- 
weiser. Seine Einbände waren gewiß keine großen schöpferischen Leistungen - diesen 
Anspruch hat er auch nie erhoben -, sie waren eher altmodisch, aber er verstand es, das, 
was sich in einer jahrhundertelangen Entwicklung als gut und brauchbar erwiesen hatte, 
mit dem zu verbinden, was die neue Zeit an Gutem und Wertvollem hervorgebracht 
hat. So schuf er Einbände, die durch die minutiöse Präzision ihrer Ausführung und die 
überaus geschmackvolle Wahl von einfachem und kostbarem Material auf vielen Aus- 
stellungen Bewunderung erregten und in bezug auf Technik und Ausstattung schlecht- 
hin vorbildlich zu nennen sind. Günther war so sehr mit seinen Werken verwachsen, daß 
er sich fast nur schwer von ihnen trennte und bevor er ein Buch im neuen Gewande dem 
Besitzer einhändigte, machte er zuerst auf alle Finessen und Besonderheiten seines Ein- 
bandes aufmerksam, auf den er mit Recht stolz war. Günther hätte oft Gelegenheit gehabt, 
seine Werkstatt zu vergrößern. Er hat aber alle diese Anträge abgelehnt, da er genau wußte, 
daß dies nur auf Kosten seiner Arbeiten geschehen könnte und er über kurz oder lang doch 
auf diesem Wege beim maschinellen Betriebe ankommen müßte, von dem er nichts wissen 
wollte. So war seine Werkstatt eine der wenigen in Wien, die durch seine rastlosen 
Bemühungen der wachsenden Industrialisierung noch nicht zum Opfer gefallen war und 
die als eine der letzten dieser Art mit ihren vornehmen Bestrebungen und Traditionen in 
eine Zeit hinüberragte, die für derlei Dinge nur mehr wenig Interesse hat. Darin lag 
Günthers Bedeutung und dafür müssen wir ihm dankbar sein. Heinrich Schwarz 
ORMZERTRÜMMERUN G UND FORMAUFBAU IN DER BILDEN- 
DEN KUNST} Otto Grautoff hat unter diesem Titel eine Reihe wertvoller und 
interessanter Gedanken über die allgemeine Kunstentwicklung und über den Sonder- 
Charakter der neuesten deutschen Kunst vereint, die aus akademischen Berliner Vorlesungen 
und Übungen hervorgegangen sind. Gut und anschaulich gewählte Beispiele aus der 
gesamten Kunstentwicklung von der Antike an und instruktive Zitate aus der bilder- 
stürmerischen Literatur der letzten Periode greift der Autor heraus und legt sie zusammen, 
um die treibenden Kräfte des Kunstschaifens zu erfassen und zu erklären. Futurismus und 
der fanatische negierende Aktivismus der Jüngsten sind Grautoff Sturmzeichen und Begleit- 
erscheinungen des Bolschewismus, der nicht allein nur zerstörend orientiert sei, sondern 
auch tiefe starke Kräfte enthalte, die in einer sehnsüchtigen Erneuerung gipfeln und die 
" Ein Versuch zur Deutung der Formzertrilrnmerung in der deutschen Kunst unserer Zeit von Otto Grauloh". 
Berlin, Verlag von Ernst Wasmuth A. G. 191g.
	        

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