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Full text: Monatszeitschrift XXIV (1921 / Heft 1, 2, 3 und 4)

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Es besteht die Absicht, im kommenden Jahre wechselnde Ausstellungen 
ganzer Serien bei Herausgabe kleiner, die einzelnen Folgen behandelnder 
Monographien zu bieten. Auch plant das Ausstellungskomitee eine Darbietung 
von mittelalterlichen Bildwirkereien aus Wiener Privatbesitz und aus dem 
Österreichischen Museum für Kunst und Industrie, um die Öffentlichkeit 
auch mit dieser in der Wiener Sammlung nicht vertretenen Wirkkunst 
bekannt zu machen. 
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Einem kunstgewerblich geschulten Auge wird auch auf der diesjährigen 
Ausstellung die mannigfaltige Schönheit der Gobelinbordüren nicht ent- 
gehen, aber man möchte jedem Besucher den Rat geben: Sieh dir einmal 
die Gobelins auf ihre Umrahmungen hin an! Die erfinderische Phantasie, 
mit welcher hier das Thema des Bildfeldabschlusses abgewandelt erscheint, 
ist eine ganz gewaltige und von großem Interesse ist es, zu verfolgen, wie 
innig die Art der Bordüren, nach der zeichnerischen und koloristischen Seite 
hin, mit dem jeweiligen Stilcharakter der Gobelins zusammenhängt. 
Es gibt Gobelins, welche dieses einfassenden Schmuckfaktors über- 
haupt entbehren. Man findet sie bei Beginn und zu Ende der Gobelinkunst- 
entwicklung. Das eine Mal sind Abschlußbordüren wesenlos durch den aus- 
gesprochen fiächenhaften Stil der Wirkteppiche, der alle dekorativen Werte 
und alles Erzählende bereits in sich völlig erschöpft und seiner Intention nach 
sich vielfach der unendlichen Musterung nähert," das andere Mal, weil der 
Bildteppich ein Teil der Wandverkleidung geworden war und eingespannt 
erscheint in die goldschimmernde Vertäfelung des Rokoko. 
Ein Spätling der ersten Phase, der Zyklus mit den Trionii nach Petrarca, 
zeigt bereits Andeutungen eines seitlichen Abschlusses in Bäumen, welche 
die Triumphszenen rechts und links begrenzen. Zu allen Zeiten aber, in denen 
beim Wirkteppich der Bildcharakter vorherrscht, gibt es Gobelinbordüren. 
Gleich die beiden Taufen Christi aus dem Anfang des XVI. jahrhunderts sind 
allseits durch Umrahmungen abgeschlossen. Es sind Tafelbilder in Wirktech- 
nik hergestellt, als solche bedürfen sie des Rahmens. Dieser ist im Charakter 
der Einfassungen mittelalterlicher Miniaturmalereien gehalten, er bietet 
Blumen- und Fruchtranken, welche durch Vögel belebt sind, beziehungsweise 
mitkleinen auf den Inhalt des Bildes Bezug nehmenden Figuren (Maria mit 
Kind und die Vorfahren Christi). 
Zur Zeit der Gotik ist die Gobelinbordüre noch keine typische Er- 
scheinung, von der Renaissance an macht sie alle Stilwandlungen der 
Gobelinkunst mit. Einmal eingeführt umspannt sie auch solche Teppiche, die, 
wie die Verdüren, ihrem Wesen nach eigentlich eine derartige Beengung gar 
nicht vertragen. 
Es lassen sich fünf Hauptgruppen von Bordüren, die wieder unterschied- 
liche Spielarten aufweisen, feststellen: die Blumenbordüre, die Grotesken- 
"f Vgl. Betty Kunh. „Der Bildteppich als Flächenschmuck" in „Die bildenden Künste". Wien xgzo p. 87 f.
	        
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