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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 6)

Gestalten auf, als akademische und naturalistische Richtung. Die erstere, vorzüglich ver- 
tseten durch die Carnecfs von Bologna (erstes Viertel des 16. Jahrhunderts), nahm die Vor- 
züge aller grossen italienischen Meister in sich auf, die Formengehung Raphaels die Zeich- 
nung Michael Angela's, das Oolorit Tiziaifs, das Helldunkel Corregginfs, und wirkte 
dadurch allerdings den Ausartungen der Manieristeu kräftig entgegen, war aber nicht im 
Stande, der bildenden Kunst einen neuen grossen Impuls zu geben, sondern förderte nur 
eine achtbnre Mittelmäßigkeit, rührend bei den Gegnern des Idealismus und des Eklek- 
tieismus, Caravaggio und seiner Schule, die Naturwahrheit wieder zur Manier gesteigert 
wurde, grelle Eiecte in der Zeichnung wie in der Beleuchtung und Darstellung des 
Grisslichen überhandnahmen. Liebten die Maler es, Atfecte darzustellen, so wollten die 
Bildhauer hinter ihnen nicht zurückbleiben, vielmehr die Grenzen zwischen Malerei und 
Plastik niederreissen, iiir die Sculptur das Darstellungsgebiet der Malerei erobern, und ver- 
iielen dadurch in Uebertreibung und Unnatur - Berniai etc. ln gleicher Weise über- 
trieh die Architektur die Anwendung der gebogenen Linie bis zur Verbannung der geraden, 
der Grundlage aller Construction. Alles wurde wellenfdrmig und geschnörkelt, selbst die 
Säule zum gewundenen Tau, der Thnnn zur Zwiebel u. s. f. So sehen wir den Jesuiten- 
styl entstehen, so genannt, weil die Jesuiten ihn besonders begünstigten und bei ihren 
Bauten anwnndten, oder auch Perriickenstyl, einen zweiten Barockstyl, in welchem die 
Vorliebe für den Bonibast noch ausgeprägter erscheint. 
Derselbe ging nach Frankreich hinüber, wo die Neigung für gezierte Feinheit und 
Grazie ihm entgegenkam. Tracht, Ornament, Sprache und Poesie passten sich ihm an. 
Ein neues Element brachte in die Gesellschaft die im Hotel Rambouillet erfundene und 
gepflegte „Conversaüor, die Entstehung des Salons. Die Unzufriedenheit mit den vor- 
handenen Zuständen, die Sehnsucht nach der Natur, zu der wirklich zurückzukehren es doch 
an Energie gcbraoh, liessen eine Art von idealem Naturleben entstehen, Schliferromane und 
Schiifergemälde mit einer aiiectirten Welt. Idealen Natursinn athmeten dagegen die Land- 
schahen Nicoles Poussins, einen ernsten Idealismus vertrat der Philosoph Descartes, 
der Dichter Corneille. Allein wlihrend der Kämpfe der Fronde wurde die Bewegung 
eine bürgerliche und rein literarische, es entstanden die literarischen Salons, in welchen 
nicht mehr die geistreiche Form der Conversation, sondern deren Gegenstand die Haupt- 
sache war. Dor Adel hatte seine geistige mit seiner politischen Herrschaft verloren, unter 
Ludwig XIV. wurde allein tonangebend der Hof mit seiner Vorliebe fir Pracht und Pump. 
Von Frankreich aus breitete sich über ganz Europa das Regime der Staatsperrücke aus, 
welche als Sinnbild der Majestät, der Kraft und Schönheit galt, auf die Tracht, die Haltung, 
den Tanz etc. bestimmenden Einduss nahm und in der Funtauge der Frauen, der Schnür- 
brnst und der Schönpdlisterchen ihre würdigen Seitenstiicke und Ergänzungen erhielt. 
Die einleitenden Worte des sechsten Vortrages wiesen darauf hin, wie Lud- 
wig XIV. einestheils der Kunst bedurfte, um das Königthum mit jenem Glsnze zu um- 
kleiden, ohne welchen er sich dasselbe nicht denken konnte, snderntbeils es aber auch als 
Pdicht des Herrschers erkannte, die Kunst zu beben und zu schützen, insofern sie seinen 
Begriifen von Grösse und Schönheit entsprach; wie sm'n Beispiel von seinen Zeitgenossen 
auf den Thronen nachgeahmt wurde, die Pflege der Künste von den reichen Städten an 
die Höfe überging und der französische Geschmack zur Alleinherrschaft in Europa ge- 
langte. Es wurde ferner der scheinbar anfallende Umstand berührt, dass dieselbe Zeit, 
'welche so bedeutende und schöne Sammlungen von Kunstwerken anlegte, in dem, was 
sie schuf, nicht die geringste Einwirkung der letzteren verrieth, als ein neuer Beweis, 
dass Galerien allein uuvermögend sind, der von dem Gesarnmtcharakter einer Zeit he- 
stzimmten Richtung des Geschmacks entgegenznwirken. Diesen Gesammtcharaktgr nach- 
zuweisen biete schon Gelegenheit die Handschrift, welche grosse Ziige, einen gewissen 
Schwung, aber auch Gcziertheit und Verscbnörkelung zeigt und an dem Schreiber jene 
Selbstgefälligkeit verräth, die dem Zeitalter eigenthiimlich ist. Was es schuf, bewunderte 
es auch, und diese Bewunderung genügte dem Geschlechts, um ein spiteres kümmerte 
es sich nicht. Dem Portrütmaler kam es nicht mehr auf die Darstellung des Menschen, 
sondern der Stellung, der Bedeutung, des Ranges desselben an, zu welchem Zwecke 
er den Abgebildeten in charakteristischer Beschäftigung oder mit Attributen umgeben 
zeigte, ein Hilfsmittel, zu welchem ihn allerdings auch die Gleichformigkeit der Perriicken- 
tracht bei den Männern und der Schminke bei den Frauen nöthigte. Der bedeutendste 
Portrütmnler der Zeit war Bigaud, der ungern Frauen malte, da seine ähnlichen Bild- 
nisse ihnen nicht gefielen und die ihnen genügenden nicht ähnlich waren. Im Historien- 
fache dem Geschmacks des Königs am meisten entsprechend war Lebrun, welcher die 
Thaten Ludwigs und Alexander's des Grossen malte. In der Bildhauerei treten die Neigung 
zum Naturalismus und die Uebertreibung in Form und Ausdruck einerseits, theatralisches 
Wßlßß. Tournure anstatt der Anmuth, Verachten aller Gesetze der Plastik andererseits auf. 
Die Architektur brachte nichts neues hervor als die nach ihrem Erfinder benannten Man- 
sarden; sie war verschroben in den Einzelnheiten, nahm die Vorliebe fiir gebogene und 
gewundene Linien aus der Barockaeit mit herüber, ihre Entwürfe sind aber grossartig, die 
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