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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 12)

w-erden, dass die Mittel dazu oft unter den ungünstigsten tiuanciellen Verhältnissen mit 
Energie und Opferwilligkeit aufgebracht wurden. 
Die Realschuleu haben ohne Zweifel sehr viel Gutes gewirkt, wir constatiren jedoch 
einfach eine Thatsache, wenn wir sagen, dass man auch hier, wie in Belgien, nicht völlig 
mit den erzielten Resultaten zufrieden ist. Man tavlelt an ihnen, dass sie dem Gewerbs- 
mann verhältuissmässig zu viel, und dem künftigen polytechnischen Gelehrten schliesslich 
eine zu wenig tiefe Theorie anbieten; gleichzeitig bestimmt, dem Gewerbetreibenden die 
theoretische Finalbildung und dem Polyteclxniker eine Mittelstufe zu gewähren, erfüllen sie, 
so sagt man, keinen dicser Zwecke vollständig. 
Wenn dies wahr ist, so kommen jedenfalls dabei die Bedürfnisse der gewerblichen 
Praxis am meisten zu kurz. Wirklich scheint es, als ob man sich bei Errichtung sümmt- 
licher deutschen Realschulen zu sehr von dem Vorbild der Gymnasien für classische Spra- 
chen hätte leiten lassen; diese sind hlos Durchgangsstationen und geben, allein für sich, 
nach keiner Seite einen Abschluss der Bildung; ihr ganzes Ziel liegt erst jenseits, in der 
Universität, wo die Ausbildung für das specielle Fach erfolgt, - sie hätten daher nicht 
das Muster sein dürfen üir Anstalten, deren wichtigster Zweck die Erziehung tüchtiger 
Praktiker für das Erwerbsleben ist, und welche für den grösseren Theil ihrer Besucher 
schon die Eudstation bilden. 
Eine mehr harmonische Verbindung mit der Praxis haben die F o rt bi ld u n g s- 
schulen und Gewerbeschnlen. Diese Anstalten, die den unter Tags beschäftigten 
Lehrlingen an gewissen Abenden und am Sonntags die so dringend nothwendige Fortbil- 
dung gewähren wollen, verdienen die grösste Beachtung. Sie wurden meist von Handels- 
kammern, Gewerhevereinen und Privaten gegründet, die Unterrichtsstunden von den Leh- 
rern der Realschnlcn mit riihmlicher Bereitwilligkeit ertheilt. Auf Betrieb der Handels- 
kammer entstanden in Wien nicht weniger als fünf Gewerbeschulen, in welchen im Jahre 
l864jli5 in 10 Classen 9.30 Lehrlinge unterrichtet wurden. Lehrgegenstiinde sind: Rechnen, 
Buchführung, Wcchselkunde, Physik, Mechanik, Stylübnngen, Aufsatzlehre, Handelsgeo- 
graphic, Chemie, Waarenkunde, Mineralogie, Technologie, Zeichnen, Modelliren und Weberei. 
Die Auslagen sind gering, für alle üinf Schulen etwa 13.000 d. - eine Summe, die gar 
nicht im Verhällmiss steht zu den wohlthätigen Ergebnissen dieser Anstalten. Eine etwas 
ausreichendem Dotirung und eine bessere Vorbildung der Lehrlinge in der Volksschule bleiben 
als Wünsche übrig; wiederholt mussten wegen ungenügender Vorbereitung zahlreiche Schüler 
zurückgewiesen werden, wesshalh man jetzt Wiederholungsscbulen für jene Lehrlinge er- 
richtet hat, welche noch nicht fir die Gewerbeschule reif sind. Der Besuch dieser Schulen 
ist für obligatorisch erklärt; die Inspection ündet durch Delegirte der Genossenschaften statt. 
Wie sehr dieser abendliche Fortbildungsnnterricht für junge Gewerbetreibende den 
Bedürfnissen des wirklichen Lebens entgegenkommt, zeigt sich z. B. an der glücklichen 
Entwicklung der Gewerbeschule in Brünn. Im Jahre 1852 als eine einfache Sonntags- und 
Abendschule für Handwerker entstanden, sehen wir sie als ein Institut dastehen, das der 
Stadt unentbehrlich geworden ist und jährlich 1200 bis 1400 Schüler unterrichtet. Die 
Schule zerfällt in eine vorbereitende Abtheilnng mit 3 Jahrgängen und in 4 Fachschnlen, 
nämlich eine für Baugewerbe mit 3 Wintercursen, eine für Msschinengewerbe mit 3 Jahr- 
gängen, eine niedere Webereiscbule mit 2 und eine Schule für die chemischen Gewerbe mit 
2 Jahrgängen, In der neuesten Zeit sind auch populäre Vorträge über Rechtskunde, Volks- 
wirthschaft und Geographie hinzugetreten. Auf Wunsch der Schüler selbst wurde die abend- 
liche Unterrichtszeit verlängert; die Lehrlinge in der Fabrik, welche früher schliesst, kom- 
men regelmässiger als die oR für häusliche Zwecke in Anspruch genommenen Lehrlinge 
im Handwerk, - (dieselbe Erfahrung wie in Wien). Ein Bericht der Handelskammer s 
hierüber: „Die aus der Gawerbeschule hervorgegangenen Schüler erfreuen sich seitens der Ab 
beitgehergbesonderer Vorliebe. Häufig sind die Fälle, in welchen sich die Fabrikanten an die 
Direction mit der Bitte wenden, ihnen Schüler zu empfehlen. In den meisten Fällen finden- 
diese rasches Unter-kommen und werden mit schwierigeren Posten betraut. So finden sind: in 
Briinner Comptoirs dieselben Leute angestellt, welche früher einfache Arbeiter waren, sich 
aber durch den Besuch der Buchhaltung und des Wechselrecbtes die für ihre Stellung notb- 
wendigen Kenntnisse erwarben. Aus der Baugewerbsabtheilnng hervorgegangene Schüler 
fanden als Zeichner, als Poliere, als Assistenten bei gewöhnlichen und Eisenbahnbauten 
Verwendung. Ein Gleiches lässt sich in Bezug auf die aus der Ahtheilung fiir Weberei 
Hervorgegangenen bemerken." Der Aufwand liir diese Anstalt wird aus Beiträgen der Fa- 
brikanten, der Handelskammer, der Landesvertretung und der Commune, sowie aus ge- 
legentlichen Schenkungen, Beiträgen aus Vorlesungen n. dgl. bestritten. Die Einnahmen 
betrugen gegen 6000 11.; die Schule besitzt schon ein kleines eigenes Capital. 
In mehreren anderen Städten der Monarchie wurden ähnliche, wenn auch noch sehr 
einfache Anstalten in's Leben gerufen, so n. B. zu Krems in Niederösterreich, zu Schön- 
linde und Haida in Böhmen u. a. O. Waren sie nur halbwegs in ihrer Einrichtung glück- 
lich gegrifen, so haben sie sich rasch festgewurzelt.
	        

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