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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1867 / 19)

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nuch diese früher im Abcndlandc besprochen worden. Dass die berühm- 
ten koischen Gewänder, die auf der Insel Kos allerdings aus dem Ge- 
spinnst einer Raupe fabrieirt wurden, nicht in ihrem Rohstoil das Product 
des Seidenwurms waren, geht am sichersten daraus hervor, dass sie selbst 
verdrängt wurden und verschwanden, so wie die seidenen Gewebe China's 
in der römischen Kaiserzeit nach dem Abendlande kamen. Es ist somit 
die erste Epoche der Seidenindustrie eine einzig und allein chinesische, 
abgeschlossen durch die Grenzen dieses Landes. 
Die Chinesen rechnen den Beginn dieser Industrie auf beinahe drei- 
tausend Jahre vor Christi Geburt zurück, und zwar setzen sie den An- 
fang darin, dass eine Kaiserin den Seidenfaden von dem noch undurch- 
bohrten Cocon abzuwinden oder gewissermassen rückzuspinnen erfand, in- 
dem der Cocon gekocht und dadurch von seinem Gummi befreit wurde. 
Das Geheimniss dieser Methode blieb die Ursache, dass z. B. die Perser 
auch von den bei ihnen einheimischen gelben Seidencocons keinen Ge- 
brauch machen konnten, und vor der justinianischen Zeit keine Ahnung 
hatten, dass jener glänzende weisse Stoff, der ihnen aus China zukam, 
keinen anderen Ursprung habe. Die Seidenzncht in China selbst blieb in 
dieser ersten Periode auf das Thal des gelben Flusses beschränkt, tech- 
nisch aher und künstlerisch scheint die Seide schon damals alle Phasen 
durchgemacht zu haben, denn wir finden z. B. dass die Mitglieder der 
kaiserlichen Familie schon damals Gold- und Silberbrocate trugen, dass 
man das Gefieder der Vögel nachzuahmen bemüht war und selbst Vogel- 
federn hineinzulegen verstand, d. h. wohl durch eine Art Stickerei. 
Seit dem dritten Jahrhundert zuerst, allgemeiner aber seit dem ersten 
Jahrhundert vor Christi Geburt wanderte die chinesische Seide über die 
Grenzen des Landes hinaus und kam durch Persien, Arabien, Syrien, 
Egypten in das römische Reich. Es waren aber fertige Gewebe, die wohl 
für die römischen Damen wieder auseinander genommen und zu feineren 
Gespinnsten neu gewebt wurden, nicht aber Rohstoff, und am allerwenig- 
sten die Seidenzucht selbst. Seit dem dritten Jahrhundert nach Christi 
Geburt rissen die Perser unter den Sassaniden das Monopol des Seiden- 
transits für das römische Reich an sich. Sie wussten sich, allerdings nicht 
ersten Rohstoff, wohl aber praparirte und vielleicht gezwirnte Seide aus 
China selbst zu verschalfen und gründeten in Folge dessen eigene Sei- 
denfabriken, so dass von da bis zur Justinianischen Zeit oder richtiger 
bis zum Sturz des Sassanidenreichs durch die Amber (642) die meisten 
fertigen Seidenstode, die nach dem griechisch-römischen Reiche kamen, 
persische Gewebe, aber aus chinesischem Rohstoff, waren. 
In diesen persischen Seidenfabriken bildete sich auch ein neuer orna- 
mentaler Stil aus, indem die Perser nach ihrem eigenen Geschmack die 
Muster hineinwebten, nämlich entweder allerlei geometrische Ornamente, 
Kreise, Vielecko u. s. w. oder jene phantastischen Thierhilder, die, viel-
	        

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