Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1868 / 28)

die ornamentalen Motive des Elisaheth-Styls, einer Abzweigung der Barockrenaissance in

der zweiten Hlilße des 16. Jahrhunderts, sind in Wurzel und Charakter durchaus keine

Eigenthümlichkeit Englands, obwohl die Engländer sie gern als national betrachten. In

der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schien wenigstens die Thon- und Porzellanfahricatinn

 Englands durch iVedgwood und Flaxmau einen eigenen Anlauf nehmen zu wollen,

indem sie es war, die zuerst und mit Energie sich auf die Nachahmung der antiken Thongafässe

 und antiker Kunst warf, allein es sind alsbald die anderen Länder gefolgt, und was

dabei die Specialität Wedgwoods war, das ist noch heute Specialitiit dieser Fabrik goblieben

 und nicht national geworden.

So können wir ganz im Allgemeinen sagen, England hat nie eine nationale Stellung

in der Kunstindnstrie eingenommen, wss die künstlerische Seite hetriEt; es hat sich stets

dem herrschenden Geschmack der europäischen Civilisation angeschlossen und ist getreu

seinen Wandlungen gefolgt. Wenn es Erfolge errang, so waren dieselben entweder so einseitig

 und so speciell wie die Wedgwoods, oder sie beruhten auf verbesserter Technik

wie beim Krystallglas. Im 19. Jahrhundert war England gar in den Ruf gekommen, als

oh der Geschmack gar nicht bei ihm zu Hause sei, als ob es, wo künstlerische Bildung

und Verzierung in Frage kiirne, die französische Weise plump imitire, am liebsten aber,

blos an das Praktische und Solide denkend, allem Schmucke ganz und gar entsage.

Auf der ersten grossen Weltausstellung von 1851 zu London bestätigte sich dieser

Buf vollkommen, und wie die französische Industrie durchaus die Richtung auf den Luxus

zeigte, so trug die englische den Charakter des Praktischen bis zur brutalen Nüchternheit

und wo sie wirklich mit Schmuck glänzen und Prachtstücke schaden wollte, du hatte sie

die damals herrschende, an sich schon geschrnacklose Weise der Ornamentation auf's äusserste

übertrieben. So reichte nichts in dieser Art heran an die glirten- und wiesenbedeckten

Teppiche von Kidderminster, nichts an die grossen silbernen oder silberplattirten Gefdsse

von naturalistischer Bildung. So Husserst niedrig auch auf jener Ausstellung der Stand des

allgemeinen Geschmackes sich erwies, so stand England doch in dieser Beziehung an der

Spitze der civilisirten Staaten von unten her gerechnet.

Seitdem sind secliszehn Jahre verdossen, eine kleine Zeit für eine künstlerische

WVandlung, wenn man bedenkt, dass, um zu solchem Ziel zu kommen, eigentlich" eine neue,

eine andere Generation von Künstlern geschalTen werden muss - sechszehn Jahre sind

verdosseu und heute, da. man auf der zweiten Pariser Ausstellung die Staaten wieder neben

einander sieht, streiten die Kenner darüber, wem der erste Rang im Geschmacks oder in

der Kunstindustrie gebiihre, England oder Frankreich. Schon dieses Fsctum, sollte selbst

der Sieg noch nuf der letzeren Seite liegen, die Einholung des ungeheuren Abstandes von

damals, ist ein nusserordcntlicher Erfolg, den England seinen energischen Bemühungen

um seine Kunstindilstrie durch Verbesserung und Vermehrung seiner Zeichenschulen, durch

Gründung des South-Kensington-Museums u. s. w., wie das ja heute allgemein bekannt ist,

verdankt. Es ist ein Erfolg, der durch intelligentes Bemühen, durch klares Verständnis:

der Ursachen und der Wirkungen, der Mittel und der Ziele erreicht ist. Diesen Ursprung

verläugnet auch die englische Kunst in ihrem heutigen Zustande nicht.

Es versteht sich von selbst, dass, wenn man zwischen der französischen und englischen

 Kunstindustrie eine Parallele zieht, man nicht die liussere Ausdehnung vergleichen

kann. Frankreich hat das zwei Jahrhunderte alte Monopol über den Weltmarkt des Luxus

für sich; es liegt also in der Natur der Sache, dass es, wenn es sein muss - und es ist

dies der Fall auf der Ausstellung - mit zahlreicheren wie kolossaleren Leistungen auftreten

 kann; ohnehin hst es sich ja, was den Raum betridt, den Liiwenantheil zugeschrieben.

Frankreich wird zugleich, um den Anforderungen des Weltmnrktes nachzukommen, von

einer zahllosen, sich immer erneuernden Schaar Künstler unterstützt, während ein Staat wie

England. der die Concurrenz im Geschmack aufnimmt, sich diese Künstler-schau erst bilden

muss. Trotz diesem von Haus aus vorhandenen Mangel künstlerischer Krähe ist das Factnm

hemerkenswerth, dass der englische Geschmack sich nicht blos gebessert hat, sondern dass

die Ausfuhr seiner Kunstindustriegegenstände seit dem Beginn jener Bemühungen sich um

das Doppelte, selbst um das Dreifache gehoben und sogar ihren Weg nach Frankreich

hinein gefunden hat. Mag dies immerhin durch den englisch-französischen Handelsvertrag

mit ermöglicht sein, so kann hier, wo Kunst und Geschmack das erste Wort reden, im

Kampfe mit Frankreichs stärkster Seite doch nur die künstlerische Güte der Gegenstände

selbst den Ausschlag gegeben haben.

Die künstlerische Beschaffenheit ist es allein, welche den Punkt der Vergleichung

bildet, und den Massstah der Belutheilung können wir nur in dem quantitativen Verhültniss

 des Guten zum Schlechten in den Ausstellungen beider Länder finden. Mit diesem

Mnssstabe messend nehmen wir keinen Anstand, unsere Meinung dahin auszusprechen,

dass in der französischen Ausstellung das Schlechte, Verkehrte und Misslungene dem Schönen

und Gelungenen weit zahlreicher und auffallender beigemischt ist als in der englischen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.