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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe III (1868 / 36)

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Die Bevölkerung des Grödner Thales beläuft sich auf ungefähr 
3500 Menschen, welche in den Orten St. Ulrich, St. Christina, Ueber- 
wasser, Puffeis und. Rungaditsch leben. Dreiviertel der Bevölkerung be- 
schäftigen sich mit Schnitzen der Holzwaaren. In der dortigen Kunstsprache 
nennt man die Van-fertiger dieser Waare „Scbnitzlerß diejenigen, welche 
sie bemalen und ornamentiren, nFasseru, die Exporteurs „Verleger". 
Mehrere dieser Verleger, wie B urger, Jesom, S eno ner, haben Verkehr 
mit der ganzen Welt. 
Das Schnitzeln, um den Landesausdruck beizubehalten, wird als 
eigentliche Hausindustrie von Erwachsenen wie von Kindern, von Män- 
nern wie von Weibern geübt. Von früh Morgens bis spät Abends sitzen 
sie beisammen; Kinder im 5. bis 6. Lebensjahre, Väter und Mütter 
schnitzein und malen. Wenn die Kinder aus der Schule kommen, setzen 
sie sich an den Arbeitstisch; ebenso benützen auch die Frauen, die Herd 
und Haus leiten, die freie Zeit zum Schneiden von Holzsachen. Da bei 
einer ganz ordinären Waare, die nur durch den Massenexport sich auf 
dem Weltmarkte erhalten kann, ohnehin die Neigung zu einem Herab- 
gehen der Preise vorhanden ist, so ist der Verdienst dieser Leute ein 
sehr geringer; nur diejenigen, welche Holzfiguren arbeiten, natürlich aus- 
sdhiiesslich Heilige und Crucitixe, sind in der Lage, sich einen höheren 
Arbeitslohn zu bedingen. Ein geschickter Arbeiter bringt in einer Woche 
zwei Holziiguren, beiläufig je 3 Fuss hoch, fertig; solch eine Figur wird 
höchstens mit 10 d. bezahlt. Bei der meisten Arbeit schwankt der Wo- 
chenlehn zwischen 2_4 d, höchstens 6-8 d. Besonders dxückend für 
die arbeitende Classe ist der Umstand, dass sich die Arbeiter ihr Holz 
selbst kaufen müssen und ein Lager von Schnitzholz im Thale nicht 
existirt. Da nur ein Theil derselben in der Lage ist, dies zu thun, so 
wird selbstverständlich sehr viel Holz defraudirt. 
Das künstlerische Material, mit welchem in den Häusern gearbeitet 
wird, auch dort, wo Heiligeniiguren gemacht werden, ist ein ausserordent- 
lich geringes. Von Zeit zu Zeit kommen fliegende Kunsthändler in das 
Thal und bringen Lithographien oder Photographien von Heiligenbilderu; 
insbesondere sind Münchner Photographien nach Knabl gesucht. Diese 
werden an die Wand angenagelt und bilden das einzige Muster. In 
neueren Zeiten geht auch manchesmal ein Arbeiter nach München und 
bringt sich aus der Mayefschen Anstalt irgend einen Gypskopf mit oder 
irgend eine heilige Figur. Der ist dann nicht wenig stolz auf seine Sammlung 
von Vorbildern; aber es sind nur sehr wenige, vielleicht nur zwei bis drei 
solcher Arbeiter, die mit einem derartigen Luxus von Kunstapparat aus- 
gestattet sind. Alle anderen arbeiten, wie gewisse Historienmaler, aus- 
wendig, ohne alles Studium der Natur, ohne alles Vorbild. Dass die Fi- 
guren dann hölzern aussehen, versteht sich wie bei diesen Historienmalern, 
so bei den Grödnern von selbst. Ist noch irgend ein Zweifel in einer
	        

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