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Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1868 / 39)

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München die Werke eines Schinkel, Gärtner, Klenze, in Wien die Münze, die Hauptmauth

und das Rlegierungsgebüude in der l-Ierrengasse entstehen sah, welche durch Beschäftigung

italienischer Künstler, wie Peter v. Nobile, Marchese, Bongiovanni u. A. m. Italien an

Oesterreich zu fesseln, der deutschen Kunstbewegung aber den Eingang zu verwehren

suchte.

Unter solchen Verhältnissen hätten Van der Nüll und Siccardsburg es gewagt, das

Banner der Kunst überhaupt und der nationalen Kunst aufzupilanzcn. Dem in geistlosem

Formenwesen erstarrten Classicismus hatten sie die Romantik entgegengestellt, welche

glaubte, sich an keinen Styl binden zu müssen, sondern aus den vorhandenen Elementen

frei etwas Neues schaden zu können. Diesen Grundirrthum der beiden Künstler und des

Romanticismus im Allgemeinen kritisirte der Redner mit aller Schärfe, ohne zu verschweigen,

 dass die Reaction gerade in dieser Gestalt anregend und befruchtend wirkte, wie die

Romantik im Leben, in der Literatur, in den anderen Künsten. Völlig übereinstimmend

in ihren Leheus- und Kunstauschauungeu und in der Ehrlichkeit, mit der es ihnen nur

um die Suche zu thun war, ergänzten sich beide in der glücklichsten Weise, der Eine

ernst, zurückgezogenem Leben und stillem Schaffen ergeben, der Andere heiter, lebenslustig,

 mittheilsarn. So lebten sie sich in einander ein, dass an ihren gemeinschaftlichen

Entwürfen häufig nicht zu bestimmen ist, wo die Arbeit des Einen aufgehört und die des

Anderen begonnen habe. Nur im Allgemeinen steht fest, dass Siccardsburg's Sache mehr

der constructive, Van der Nüll's der decorative Theil war und dass der Erstere Alles auf

sich nahm, was die praktische Ausführung augiug, während der Letztere in seinem Atelier

zeichnete.

E. Van der Nüll war am 9. Jiinner 1812 zu Wien geboren und starb daselbst am

3. April 1868; August v. Siccardsburg war zu Wien am 6. December 1813 geboren und

starb daselbst am 11.. Juni 1868. Ersterer nahm an der Gründung des Museums den

lebhaftesten Antheil und förderte iu seiner Eigenschaft als Mitglied des Unterrichtsrathes

das Zustandekommen der Kunstgewerbeschule.

Auch um die Hebung der Wiener Kunstindustrie hat Van der Nüll hervorragende

Verdienste. Er war es, der Girurdet mit Entwürfen und Zeichnungen unterstützte und das

Fach der Ledergalauteriewaaren hervorrief, das gegenwärtig in Wien blüht. Ebenso hat

er die Möbelindustrie wesentlich gefördert, und er würde der erste Architekt-Decorateur

seiner Zeit geworden sein, wenn man diese Seite seines Talentes rechtzeitig gefördert hätte.

Die von Beiden gemeinschaftlich ausgeführten grössereu Bauwerke, wie Carl-Theater,

Sophienhad, wurden dann in der Kürze besprochen, der Antheil Van der NiilPs an dem

Ausbau der Altlerchenfelder-Kirche in seiner Bedeutung als erster Versuch polychromer

Ornamentaüon beleuchtet, das Verdienst beider Künstler am Arseualbaue vor der Belvederelinie

 - der Hof des Commandanturgebäudes wird besonders hervorgehoben - betont,

und endlich der Bau des Opernhauses eingehender Betrachtung unterzogen. Dasselbe zeige,

meinte der Redner, in seinem Aeusseren alle Mängel. in seinem inneren alle Vorzüge des

Romanticismus der beiden Architekten.

Die liusserlichen Schwierigkeiten, wie das ungünstige Niveau und die Nöthigung,

alle Räume für die Administration etc, etc. mit dem eigentlichen Theater zu vereinigen,

ein so kolossales Gebäude aber nicht auf einen Platz, sondern in Gassenfronten zu stellen

- alles dies zugegeben, könne das Aeussere des Opernhauses allerdings im Detail interessiren,

 als Ganzes jedoch vielfältigem Tadel nicht entgehen. Dagegen biete nach dem

Urtbeil von Technikern die Einrichtung der Bühne, der Ventilation etc. etc. Neues und

Nachahmenswerthes in Fülle, die Verhältnisse des Zuschauerraumes entsprechen allen gerechten

 Anforderungen und in der künstlerischen Ausschmiickung steht dieses Haus einzig

da. Dies gah dem Redner Anlass, den Einduss dieses Baues auf die Entwicklung des

Kunstgewerbes in Wien und die Beschäftigung von Künstlern und Industriellen für denselben

 nüher zu besprechen. Er hob namentlich hervor, dass wenigstens zwei von den

ausgezeichneten Malern, die, in Wien geboren, von Wien lange Zeit verläuguet worden,

Rahl und Schwind, mit ihrer Kunst an diesem grossen Werke mitwirken konnten. Er

betonte dann Van der NülPs grosse Leistungen auf dem Gebiet des eigentlichen Zeichnens

 und Beider Verdienste um die Heranbildung von mehr oder weniger bedeutenden

Schülern. Mit dem Auftreten ihres ausgezeichneten Schülers Heinrich Ferstel, der sich

frühzeitig von der romanischen Regellosigkeit losgesagr, Theophil Hansen's und Friedrich

Schmidth sei nun allerdings eine neue Epoche der Architektur in Wien herangebrochen

und nicht lebhaft genug könne man die Verirrung einiger Schüler Van der Nüll's bekämpfen,

 welche noch der überwundenen Stylvermischung huldigen, und zwar mit Hinneigung

 zu der unserem ganzen Wesen fremden französischen Renaissance. Vor allen

Dingen aber möge man nicht vergessen, dass Van der Nül] und Siccardsburg unsere

Landsleute sind und ihrer Vaterstadt Ehre machen.
            
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