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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe IV (1869 / 46)

Schlossanlage, aber nicht für einen Nützlichkeitsbau; selbst die Anwen- 
dung der Terracotta ist kaum zu rechtfertigen. 
Auch unter den P r i v a t b a. u t e n sind mehrere zu erwähnen, in 
welchen das bestimmte Bestreben anzuerkennen ist, vornehm und elegant 
zu gleicher Zeit zu sein. Das gilt in erster Linie von dem von Hase- 
nauer gebauten Hause der Pereirdschen Erben am Graben und von dem 
Kleimsehen Hause in der verlängerten Wollzeile, welches Architekt Tietz 
mit strengem Festhalten an der antiken Bauweise durchführt. 
Die Hausarchitektur in Wien lässt noch Vieles zu wünschen übrig. 
Einige Schäden derselben hängen mit der Gesetzgebung und den Ge- 
wohnheiten unseres Banlebens. andere mit eigenthümlichen Richtungen 
des Geschmackes zusammen. 
Unserem Hausbaue fehlt vielfach der Comfort. Die Gewohnheit der 
Stadterweiterungs-Commission, blos grosse Parcellen zu verkaufen, fördert 
den Bau grosser Zinshäuser. so wie die Speculation und verhindert den 
Bau eines bürgerlichen Wohnhauses. Das Hausbauen ist ein Börsen- 
geschäft geworden, der Biirgerstand kann sich daran nur gering bethei- 
ligen. In den Vorstädten und der nächsten Umgebung von Wien wird 
viel zu wenig darauf gesehen, dass Vorgärten mit dem Hausbaue in or- 
ganische Verbindung gebracht werden. 
Bei der Decoration der grösseren Zinshäuser macht sich eine Ueber- 
ladung mit Ornamenten und ein Spielen mit architektonischen Formen 
in hohem Grade bemerkbar. Wie unsere Kunstindustrie mitunter die 
unsinnigsten Dinge an den Tag fordert, so kommen auch in der Deco- 
ration der Häuser die sonderbarsten Anwendungen von Consolen, Pila- 
stern und Säulen vor. Die Säulen zeigen mitunter Formen, welche jed- 
wede architektonische Logik auf den Kopf stellen. Diese Begritfsver- 
wirrung in der architektonischen Ornamentik ist theilweise Folge der 
Principienlosigkeit, welche in Bezug auf die Elemente der architekto- 
nischen Formenlehre iu den Schulen herrscht. 
Einen sehr günstigen Eindruck machten die Ba ute n d e s 
Schiitzenfestes, sie waren glücklich in der Disposition und praktisch 
mit Rücksicht auf ihren Zweck. Bei dieser Gelegenheit hat es sich 
wieder gezeigt, welche grosse Anzahl tüchtiger baulicher Kräfte in Wien 
vorhanden ist. 
An mehreren Gebäuden sind Versuche gemacht worden farbigen 
Marmor zur Decoration anzuwenden. So wiinsehenswerth aber 
eine solche Decoration ist, kann man doch nicht sagen, dass die ersten 
Versuche glücklich sind. Bei der Anwendung der Polychromie auf Kunst- 
werke darf man sich übrigens durch die ersten Versuche nicht abschrecken 
lassen; es muss auf diesem Gebiete viel gearbeitet werden, bis sich die 
Grundsätze feststellen lassen, nach welchen man vorzugehen hat.
	        

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