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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1867 / 21)

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lichcr Darstellung dieselben künstlerischen Ziele, und haben sich im Laufe 
der Zeiten bemüht, dieselben künstlerischen Aufgaben mit, wenn nicht 
denselben, doch ähnlichen Mitteln zu lösen. Es folgt demnach hieraus, 
dass diejenigen technischen Verfahrungsweisen künstlerisch die angemes- 
sensten sind, welche das Werk der Stickerkunst einem Gemälde am "ahn- 
lichsten zu machen vermögen, welche in gleichem oder doch in annäherndem 
Grade imunterbrcchen Hiessende Contouren darstellen, die Farben ebenso 
verschmelzen können und mit Licht und Schatten zu modelliren vermögen. 
Betrachten wir zunächt von diesem Standpunkt aus dasjenige Ver- 
fahren, welches heutzutage in der Stickerei bei weitem das gebräuchlichste 
ist, ja von der Dilettantenhand fast allein geübt wird, den Kreuz stich, 
Was dieser Stich hervorbringt, das sind kleine Quadrate, aus denen sich 
die Zeichnung mosaikartig zusammensetzt. Die Contour, die er hervor- 
bringt, kann also nichts anderes sein, als treppenförmig gebrochene, in 
kleinen rechtwinkeligen Absätzen sich fortbewegemle gerade Linien. Eine 
continuirlieh gebogene, geschwungene Linie ist dieser Technik also nicht 
möglich. hing das zu Grunde liegende ltlaterial, mag der Faden, den die 
Nadel durchzieht oder überspannt, noch so fein sein, das Resultat bleibt 
immer dasselbe und die krumme Linie immer gebrochen, nur dass, je 
gröber der Stoff, um so mehr auch das Unvollkommene der Arbeit zu 
Tage tritt. Künstlerisch betrachtet, erscheint daher diese Art der Stickerei 
für alle jene Gegenstände, welche ihr mit der eigentlichen Malerei gemein- 
sam sind, wie {igürliche Darstellungen, Landschaften und ebenso für ge- 
schwungene Ornamente und feine Blumenausführung durchaus unangemes- 
sen, denn bei allen solchen Versuchen kann sie im Grunde doch nur 
Carricaturen hervorbringen, oder wenn sie das vermeiden will, so wird sie 
zu einer so unendlich feinen und mühsamen Arbeit, dass es Schade um 
die Augen ist, die daran zu Grunde gehen. Um sich davon zu überzeugen, 
braucht man nicht weit zu gehen, man braucht nur in unseren modernen 
Wohnhäusern die Arbeiten unserer Damen, so viele Rückenkissen, Reise- 
säcke, Fussschämel, Taschen und Tälschchen u. s. w. zu mustern, und man 
wird über Werth und Unwerth dieses Verfahrens nicht lange in Zweifel 
bleiben. Häufig haben diejenigen, welche solche Sticlcarbeiten ausführen, 
auch eine Ahnung von der Unzulänglichkeit ihrer Technik. zumal, wenn 
sie Iigürliche Gegenstände zum Vorbild haben. Alsdann glauben sie sich" 
dadurch helfen zu können, dass sie, anstatt die Gesichter in ihrer eckig- 
gebrochenen Manier zu sticken, sie lieber aus Lithographien ausschneiden 
und an die betreffende Stelle ankleben oder festnähen. Dies aber ver- 
schlimmert nur das Uebel; es macht den künstlerischen Gesammteindruck 
durchaus unharmonisch und verdirbt noch dazu den Gebrauch dieser 
Stoffe, indem es ein vergängliches, brechliches und steifes Material, das 
keine Falten und keine Biegung verträgt, mit einem biegsamen und so- 
liden verbindet.
	        

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