Eine Studie über chinesische Email-Vasen.
(Fortsetzung)
So viel auch die Chinesen in der Gefiissbildnerei seit jeher geleistet
haben, Eines ist ihnen versagt gewesen: in der Formengebung ihrer
Vasen und Geräthe zur architektonisch motivirten Gliederung der Contour
zu gelangen. Wie dem decorativen Theile ihrer Baukunst jede Betonung
des inneren Unterschiedes zwischen Stütze und Last fehlt, so geht ihnen
auch in den übrigen Künsten das Gefühl tiir organische, d. h. den Zweck
des einzelnen Theiles in seiner Form versinnbildlichenden Construction
beinahe völlig ab. Manche ihrer Geräthe erscheinen daher plump und
massig, andere übertrieben schlank und dünn, oft auch derselbe Gegenstand
in seinen einzelnen Theilen bald dem einen bald dem andern der
beiden genannten Extreme sich nähernd, und nur selten werden wir in
gleicher Weise wie durch die Vollendung der Arbeit auch durch die harmonische
Wirkung der Form befriedigt. Diese Eigenthümlichkeit ist mit
der ganzen Oultur, der Denk- und Anschauungsweise des merkwürdigen
Volkes eng verknüpft}; die Gestalten, die es schallt, haben ein gewisserxnassen
alterthümliches Gepräge, und wenn ich die chinesische Kunst
früher die nicht vollentwickelte Kunst einer primitiven Epoche nannte,
so findet das auch auf ihre Formengebung volle Anwendung. Die Periode
der unfertigen Entwickelung ist im Werden der Kunstformen so
gut wie jm Wachsen des Organismus bezeichnet durch unabgewogene
Verhältnisse der einzelnen Theile, und erst mit der fortschreitenden Entfaltung
tritt (wie ja schon das Wort Entwickelung besagt) jene feine
Scheidung und Verbindung der Glieder ein, die den erwachsenen Körper
so gut wie die griechische Vase der besten Zeit zum vollkommenen
Ausdruck ihrer Idee macht. In diesem Sinne ist das oft gehörte Wort,
dass die Chinesen Kindern gleichen, nicht ohne eine gewisse Wahrheit.
Wir können hier diese Erscheinung nur constatiren und müssen uns versagen,
auf die Darlegung ihrer Ursachen einzugehen, so interessant auch
diese wäre, die aber ohne eine weitgehende Erörterung der gesammten
Cultur, Philosophie und Religion nicht thnnlich ist.
Dass die Chinesen eine von der unserigen vom Grund aus ver;
schiedene Auffassung für Formen haben,_können wir schon aus ihren Ansichten
über die Gestalt des menschlichen Körpers entnehmen. Nicht das
Ebenmsss der Verhältnisse, sondern eben deren Ungewöhnlichkeit, die
überrnässige Entwickelung einzelner Theile, das Seltsame, Frappante,
selbst Abstruse gilt als bedeutend. Die Heroen, grossen Kaiser und Philosophen
werden in ihrer äusseren Erscheinung als Monstra gedacht, mit
kolossalem,' massigem Körper, kurzem Hals, hervorstehenden Augen,
langen Armen und, wenn ihre geistige Ueberlegenheit besonders hervorgehoben
werden soll, mit einer oder gar zwei hügelartigen Protuberanzen