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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1871 / 72)

wieder andere sticken ihre Muster mit dem Perlstich oder Plattstich, in

der Regel mit rothem Faden in den weissen Grund ein, die geübteren

haben auf einem simplen Stickrahmen das untere Ende des Handtuches,

also des Gewebes eingezwangt und auf drei Seiten auf Rollen befestigt,

mittelst deren sie leicht die Leinwand von einer Seite nach der andern

ziehen können und arbeiten so ihre wunderschönen Gruipuren. Bei diesen

Arbeiten zeigt sich eben der Reicbthum an Sticharten und die Geduld

der Meisterin; sie braucht zu einer 16" langen und 12" breiten Guipure

mindestens 30-40 solcher Abende, also 150-200 Stunden und erhält

dafür oft kaum l Thaler preussiscb.

Bei allen besseren Arbeiten -- und ihre Zahl ist die vorwiegende

- ist geometrisches oder stylistiscbes Ornament im Gebrauche. Die

Formen der geometrischen Ornamentation sind verschiedene Liniengefüge,

 theils willkürliche, theils Quadrate, Sterne, Dreiecke, Kreuze

und dergleichen; ihre Form ist gewöhnlich sehr einfach, die reichere

Ausfüllung geschieht durch einfaches Muster in anderem Stich. Die stylisirten

 Ornamente beschränken sich wohl auf Blumen, Löwen, Pfauen,

Adler und Herzen. Löwen und Pfauen kommen in diesen Gegenden

_gar niemals vor, sind aber mit dem Adler sehr wahrscheinlich als griechisch-katholische

 Symbole herübergebracbt worden. Es gebt dies auch

zweifelsohne aus der Art der Stylisirung hervor, die ganz mit dem Verfahren

 der Künstler auf den alten textilen Gegenständen zusammenstimmt,

 das in der ehemals Bock'schen Sammlung des k. k. Oesterr. Museums

 für Kunst und Industrie zu studiren ist. Es findet sich in der

Regel auch dieselbe typische Symmetrie und mehrere Vorgangsarten, die

zur Annahme berechtigen, dass ein altes liturgisches Gewebe Muster gewesen

 ist. Gut wie die Stylisirung ist auch die Vertlieilung der ornamentalen

 Motive über den zu schmückendes Raum; jede nur einigermassen

 störende freie Fläche wird mit irgend einem bedeutungslosen und

glcichgiltigen Ornamente ausgefüllt, ebenso auch das Innere der Gestalten

(so der Vögel, des Löwen mit sehr einfachem, regelmässig wiederkehrendem

 Plattstichmuster). Sobald sie das geometrische Ornament verlassen

und naturalistisch werden wollen, so verfallen sie augenblicklich in die

krassi-ste Geschmacklosigkeit, zwingen die Technik zu Unmöglichkeiten

und beweisen das Unpassende, das für sie darin liegt, indem ihre grosse

technische Fertigkeit und die reichen Mittel missbraucht werden. Die tüchtigeren

 kommen übrigens gar bald zur Einsicht und gehen dann wieder

zurück zu dem, Was Tradition und Instinct zu ihrem Arbeitsfelde gemacht

hat. Zweifelsohne ist es.Tradition, was diese Ornamentik erhält; es ist

nicht anders möglich, als aus dem Zeuge selbst und etwa aus der Veränderung

 in der Farbe ein altes Stück vom neuen zu unterscheiden, die

Form muss Jahrhunderte lang dieselbe gewesen sein.

Es wäre wohl höchst schätzenswerth, wenn die Kunstindustrie durch
            
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