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Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 77)

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sein, sie gewissermassen auf eine andere Basis zu stellen, die Kosten zu verringern und

ihr einen anderen Charakter, andere Principien zu verleihen.

Die bisherigen Weltausstellungen haben unleugbar grossen Nutzen gestiftet, sie haben

einen ungeahnten Schwung in das industrielle Leben, in den Weltverkehr gebracht, sie

haben Lehren, Erfahrungen, Anregungen nach allen Seiten hin ausgesaet und die Saat ist

üppig aufgegangen. Niemand kann sich dieser Wahrnehmung entziehen und die Thatsachen

 bestreiten.

Aber man kann fragen, ob zu diesem Resultat der riesenhafte Aufwand, sagen wir

es geradezu, der grossartige Schwindel, der sich an die Weltausstellungen hing, eine

Nulhwendigkeit gewesen, an nicht dasselbe Resultat auf einfacherem Wege zu erzielen

gewesen, ob nicht jene Lehren und Erfahrungen hatten auf directem Wege genommen

werden können.

Diese Frage legte man sich in England vor und ihre factische Beantwortung war

die Ausstellung, welche in dem verflossenen Sommer dieses Jahres in London stattgefunden

hat oder vielmehr eroffnet worden ist.

Wir sehen also, diese neue Ausstellung tritt in Gegensatz zu jenen grossen universalen

Weltausstellungen, deren Reihe begann mit der Londoner Ausstellung des Jahres i85i und

mit der Pariser von 1867 ihren vorläufigen Abschluss erhalten zu haben schien. Sie will

es ausdrücklich anders machen, sie will die riesigen Kosten, die vorzugsweise auf der

Anlage des Gebaudes beruhen , vermeiden, sie will all dem aussern Schein und Pomp

entsagen, sie will durch gesunde, richtige Principien, durch consequent durchgeführte Systematik

 direct auf den Unterricht, aul die Lehre, auf die Bildung lossteuern. Diese Ausstellung

 soll ein nationales Culturinstilut sein, berufen, die Nation durch Kunstbildung,

 durch Veredlung des Geschmackes, durch die Wissenschaft und ihre erziehende Kraft

auf eine hohere Stufe der Civilisation zu heben. Das ist der ausgesprochene Zweck dieser

Londoner Ausstellung.. Wahrlich, ein hohes und schones Ziel!

Betrachten wir diejenigen Personen oder vielmehr diejenige Anstalt, unter deren

Auspicien die neue Weltausstellung in Scene ging, so schienen sie allerdings einige Garantie

lür das Gelingen, für das hrreichen des Zieles zu bieten. Nominell waren es diejenigen

Herren, welche das Comite von iöiii gebildet hatten, soviele davon noch am Leben, die

an die Spitze des Unternehmens traten; sie waren zur Verwaltung jener bedeutenden Summe,

die von der Ausstellung von x85: erubrigt worden, als Körperschaft beisammen geblieben

und eben diese Summe, die der Verbindung von Kunst und Industrie vorzugsweise gewidmet

war, bildete den nothwendigen Fond der neuen Ausstellung. In Wahrheit war es aber die

Leitung des Kensington-Museums, welche den Gedanken dieser Ausstellung geschaffen hatte,

welche die treibende Seele blieb und auch die Ausführung in Händen behielt. Unter den

Auspicien dieser berühmten Anstalt also ist das Werk vor sich gegangen.

Das Kensington-Museum hat sich unleugbar grosse Verdienste nicht blos um England,

sondern urn hnropa erworben. Es hat zuerst den Gedanken der modernen Geschmacksreform

 praktisch in die Welt gesetzt, es hat die richtigen Wege gezeigt, für die eigene

lNation die Sache energisch in die Hand genommen und dadurch jene grossartige kunstlerische

 Bewegung in der Industrie hervorgerufen, die heute schon ein Stuck Culturgeschichte

 geworden ist. Aber wenn es diese Bewegung hervorgerufen hat, so vermochte

 es leider nicht dieselbe zu leiten, und heute sind die Zügel seiner Hand entglitten.

 Der Umschwung, welchen die englische Industrie in künstlerischer Beziehung

wahrend der letzten fünfzehn oder zwanzig Jahre erfahren hat, ist ein enormer, aber er

gleicht einem verwilderten Strome, der uneingeschränkt sich selbst sein Bett sucht und

ziellos hierhin und dorthin liuthet.

Wer das Kensington-Museum, seinen Inhalt und seine Einrichtungen mit kritisch

prüfendem Blicke mustert, dem wird diese jüngste Entwicklung der Dinge begreif lieh

vorkommen. Ich will nicht von der Opposition reden, welche das Museum in England bei

den Kunstfreunden und Kunstgelehrten rindet, ich will nicht der ziemlich allgemeinen Klage,

die oft genug in die Presse gedrungen ist, gedenken, dass die zahlreichen Zeichenschulen,

welche unter der Leitung des Museums stehen, mit ungenügenden Kräften versehen werden;

 ich will nur einen Blick in die Raume des Museums werfen und betrachten, was

sich dem Auge darstellt.

Das Museum ist nach und nach entstanden, rasch gewachsen und ich will nicht

tadeln, dass es diesem Gange der Entwicklung entsprechend einen Raum dem andern planlos

 hinzugefügt hat. Allmahlig hatte aber wohl in dieses Gewirre von Salen, Hallen,

Nischen, Gangen, Corridoren und Galerien ein wenig Ordnung und System gebracht werden

konnen, zumal die Mittel reichlich vorhanden waren. Immer aber ist es heute noch dasselbe

 Labyrinth, wie es sich uns vor Jahren dargestellt hat. Zwar erhebt sich jetzt auf

den Gründen des Museums mit der Front gegen die Strasse ein ltolossales monumental

reich geschrntickies Gebäude, aber auch das ist nicht das Museum, sondern nur eine mit

ihm in Verbindung stehende Marineschule. Wir begreifen diese Schule für England, aber

wir begreifen sie nicht auf dem Boden und in Verbindung mit dem Museum.
            
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