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Objekt: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 3. Jahrgang 1906/07

DER GARTEN HM HAUSE 
genug, eine üppige blühende Pflanzenlaft über 
hängen und im Winde pendeln zu laffen. Oft ift der Hof fchmal 
und klein, aber der Weinftock am Haufe gewährt eine Laube 
und ein paar Oleanderftöcke vervollftändigen das faft klöfterlich 
keufche Bild eines Hofgartens. Haus ftoßt an Haus; wenn nicht 
Schulter an Schulter fteht, fo zieht eine Mauer von einem zum 
anderen; aber die Mauern überragend, neigen fich Baumwipfel 
über die Straße und überfchütten den Vorbeiwandemden heimlich 
mit Hausgartenfehnfucht. In der Regel ift es aber fo, daß der 
Vorgarten der einzige Blumengarten und Rubeaufentbalt der 
Bewohner ift. Das Grundftück hinter dem Haufe dient der 
Obftkultur oder fonftigen nütjlichen Zwecken. Für die Anlage 
und Geftaltung des Vorgartens entfcheidet in erfter Linie das 
praktifche Bedürfnis. Man will darin leben können, man will 
Blumen ziehen oder eine nütjliche Pflanze, man will vor 
allem keinen verfügbaren Platj unbebaut laffen. Wie gering 
immerhin der pofitive Ertrag einer folchen Anpflanzung ift, was 
er dem Menfchen in materieller Hinficht gibt, ift unberechenbar. 
Er ift eine Quelle von Dafeinsfreuden. Die Zweckmäßigkeit, die 
feiner Anlage und Willkür zugrunde gelegt ift, ftempelt ihn zu 
einem Stück unbewußter Architektur, die in jedem befonderen 
Fall anders ift. Aber die zu Hilfe gerufene Natur verwendet die 
Vielheit von Kleinigkeiten zu einem Ganzen, indem fie mit ver« 
fchwenderifcher Freigebigkeit von Haus zu Haus, von Zaun zu 
Zaun das Grünen und Blühen verbindet und unter diefer köft» 
liehen Fülle die Ärmlichkeit und Gebrechlichkeit der alternden 
Wohnhäufer fchonend überdeckt, fo daß fie mit ihren weißen 
Wandflächen, ihren graugrünen Schindeldächern und zerbröckelten 
Garten» und Futtermauern, ihren verwackelten Steinftiegen und 
Holzzäunen durchblicken, wie die Grundlinien einer geiftvollen 
Gartenarchitektur, die die ganze blühende Gartenherrlichkeit wie 
ein Blumentopf zufammenhält. Und betritt man ein Hausteilchen 
nur der Nütjlichkeit, fondern fie 
beftätigen die Schönheit. Das 
Abendlied der Amfel vollendet 
die Harmonie, ebenfo wie das 
Raufchen des Baches und das 
Raunen des Windes. Es ift eie» 
mentare Mufik, wie die Vor» 
gartenidylle elementare Kunft 
ift, Dinge, von denen das dürf» 
tige Schema des modernen Vor» 
gartens nichts weiß. □ 
Nicht immer ladet der länd» 
liehe Vorgarten breit und be» 
bäbig vor dem Haufe aus, um 
feitliche Gebüfcbe, einen ftatt» 
liehen Baum, Blumenrabatte und 
einen Baum zu faffen. Oft liegt 
infolge des Terrains das Haus 
erhöbt, eine fcbmaleSteintreppe 
führt feitlicb zum Eingang em= 
por und ein fcbmaler nach der 
Straße hin untermauerter Strei» 
fen zieht unter den Fenftern 
bin, kaum fo breit, einen Men» 
feben durchzulaffen, aber breit 
den Zaun zu diefer gefamten Vorgartenkultur, fo ift es wieder überrafebend, 
wie übersichtlich und zweckvoll das einzelne zurecbtgeftellt und 
der Benü^ung oder auch nur dem äftbetifeben Genuß entfprechend 
ift, als hätte ein febr poefievoller Baukünftler alles bis ins Kleinfte 
angegeben. Das ift natürlich durchaus nicht der Fall gewefen. 
Die Dinge find entftanden, wie fie der Notwendigkeit gemäß 
entfteben mußten. Sie find wild gewachfen, aber die Natur bat 
fich felbft als Künftlerin erwiefen. Trotj aller Lieblichkeit ift aber 
leider auch zu erfehen, daß der Zuftand im Abfterben ift. Dem 
Auge noch einigermaßen entzogen, verfällt diefe alte Dafeins» 
form, namentlich im Bannkreis der großen Stadt immer mehr 
und mehr der Verwabrlofung. Es ift kein Wohnen mehr in diefen 
Häufern, es fei denn mit Verzicht auf die aller primärften Kultur» 
anfprüche. Schon da und dort find Lücken geriffen und Neues 
an Stelle des Alten getreten. Das ift wohl ein natürlicher und 
gefetjmäßiger Vorgang, in dem an und für fich nichts betrübendes 
liegt, aber wie fieht diefes Neue aus! Die neuen Häufer haben 
in diefen Gegenden wohl auch Vorgärten, allein fie find, wie 
angedeutet, ein erbärmlicher Schatten gegen die alten. Sollte es 
auf keine Weife möglich fein, die verfchwindende Schönheit durch 
einen annähernden neuen Wert zu erfetjen? Wir dürfen uns 
darüber keiner Täufchung, keiner fentimentalen Lüge hingeben, 
daß diefe alten Vorgärten, deren fich noch unter Auge erfreut, 
nie wieder neu erfchaffen werden. Sie werden verfchwinden und 
nie wieder erfcheinen. Es bat keinen Sinn, fie nachzumachen, 
denn die Nachahmung wird niemals das Rechte treffen; niemals 
wird die Abfichtlichkeit jene ungezwungene und doch gefetj» 
mäßige Natürlichkeit erfehen können. Aber die Gefe^mäßigkeit, 
der auch jene lieblichen Vorgärten unterliegen, wenn die Kraft 
des Herzens und das künftlerifcbe Vermögen ftark genug find, 
werden auch die neuen Straßen ein herrliches Gartenbild dar» 
ftellen, wenn gleich es durchaus anders befchaffen fein wird. 
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