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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 87)

Die rothf-igurigen Vasen gehen nun auf dem Wege der Vereinfachung 
des Ornamentes, die wir bei den schwarzfigurigen beginnen sahen, noch 
einen Schritt weiter. Die Tendenz, den Raum zu füllen, verschwindet 
fast ganz. Die Ranken, Blätter, Palmetten werden immer zierlicher und 
spärlicher; die Umrahmung der Bilder schrumpft zu einem kurzen Stück 
Mäander zusammen, welches den Boden markirt, auf dem die Figuren stehen; 
oft aber fällt auch dieses weg und die Figuren schweben einsam oder 
zu Gruppen vereinigt auf dem glänzend schwarzen Hintergrunde. Des 
function-erklärenden Ornaments, wie Bötticher es nennt, bedarf es nicht 
mehr. Die Formen der Gefässe mit ihren sanften Schwingungen und 
Uebergängen, ihrer klaren Gliederung und schönen Proportionalität, sind 
fein und entwickelt genug, um auch ohne Ornament dem kunstsinnigen 
Auge völlig Genüge zu thun. Nur die menschliche Gestalt, als das geistigste 
Ausdrucksmittel der bildenden Kunst, blieb zurück, um dem Betrachtenden 
irgend eine Vorstellung heiliger oder profaner Art, die ihm an dieser Stelle 
besonders bedeutsam und willkommen erscheinen musste, vor die Seele 
zu rufen. 
Wir sahen oben, wie die menschliche Gestalt bereits in dem ältesten 
orientalischen Styl neben die von Asien herübergekommenen Thierfiguren 
und phantastischen Ungeheuer trat. Oft Enden wir den Menschen im 
Kampf mit diesen. Dann werden die Fabelwesen von den griechischen 
Helden, einem Herakles, Bellerophon, Perseus u. s. w., verdrängt und als 
Hauptstolf tritt der Gestaltenkreis der epischen Dichtung in die Malerei 
der Vasen ein. Die gesammte Mythologie, wie sie das Epos ausgebildet 
und durch alle Schichten des Volkes verbreitet hatte, unter den Göttern 
besonders Bacchus und sein Gefolge, unter den Heroen Herakles, werden 
uns in den Bildern der Thongefässe des alten schwarzfigurigen Styles 
vorgeführt. Dazu die mannigfachsten ernsten und heiteren Vorgänge des 
täglichen Lebens, Wettkämpfe und Uebungen, Hochzeiten, Trinkgelage 
u. s. w., das Alles in derber kräftiger Auflassung, die bisweilen wohl 
auch in's Rohe und Ausgelassene sich verliert, immer aber gesund und 
echt volksthümlich uns anmuthet. 
ln den Vasen mit rothen Figuren sehen wir dann zunächst einen 
würdevollen Ernst und etwas Ceremoniös-Feierliches an die Stelle der alten 
Volksthümlichkeit treten, und später in dem völlig entwickelten Styl mil- 
dert sich diese Strenge zu jener zarten durchgeistigten Schönheit und echt 
menschlichenAutfassung, welche die untrliglichsren Kennzeichen der attischen 
Kunst der besten Zeit ausmachen. Unter den Göttern und Heroen wiegen 
entschieden die attischen und ihre localen Sagenkreise vor. Auf das Epos 
folgt auch in den Vasenbildern die Lyrik und das Drama: das heisst wir 
können bemerken, dass die mehr subjective nnd geistig vertieftere Auf- 
fassung, wie sie der Sagenstutf in diesen beiden damals blühenden Dich- 
tungsarten erfuhr, auch auf die Stotfwelt und die Behandlung der Vasen- 
maler von Einfluss waren. Endlich erfahren auch der Wirklichkeit ent- 
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