wenigstens im Norden sogar mit der Gothik vertragen. Der Barockstil
dagegen duldet keinen anderen Stil neben sich; wo er bauen will,
reiBt er alles vorhandene Alte nieder und baut auf dem rasirten Platze
ein einheitliches Ganzes nach vollständig neuem Grundplah. So erklärt
sich, dass unsere uralten großen Stifter, die in der Barockzeit neugebaut
wurden, häufig so rein gar nichts Architektonisches aus ihrer mittelalterlichen
Blüthe erhalten haben, wie es z. B. bei Stift Melk oder Kremsmünster
der Fall ist.
Wenn aber der frühe und der späte Barockstil nur in der Regelmäßigkeit
des Grundplanes zusammengehen und in vielen anderen grundwichtigen
Punkten von einander abweichen, so müssen wir fragen, ob
nicht auch das Verhältniss zur Decoration da und dort ein verschiedenes
gewesen ist.
Die Sprache, die der strenge Barockstil zu sprechen sich bemüht,
ist diejenige der concentrirten, aber verhaltenen Kraft. Nehmen wir eines
der bekanntesten Denkmäler dieser Art: die Fassade der Peterskirche in
Rom. An dieser Fassade steht eine Flucht riesenhafter Halbsäulen, über
diesen lagert ein gewaltiges, drohend ausladendes Gebälke; dadurch entsteht
unter der intensiven Beleuchtung der südlichen Sonne einüberaus
mächtiger Schattenschlag, der eine höchst wirksame Gliederung der cyklopischen
Massen herbeiführt und durch den wechselnden Contrast von
Licht und Schatten die eindringlichsten malerischen Reize hervorbringt.
Aber das Detail, das eigentlich Decorative, erscheint darüber vernachlässigt,
vereinfacht, ja absichtlich zurückgestellt, denn es würde den Eindruck
übermenschlicher Wucht und Größe nur abschwächen, beeinträchtigen.
Aehnliches begegnet uns, wenn wir das Innere derselben
Peterskirche betreten. Neben den grandiosen Formen ist es da hauptsächlich
der blendende Werth des Rohmaterials, womit die Sinne des Beschauers
betäubt werden: der Werth der Marmor-Incrustation und der schweren
Vergoldung. Die reine Kunstform findet im decorativen Detail nur überaus
kärglichen Raum zur Entfaltung. Und doch wurde die Ausschmlickung
des Innern der Peterskirche, wenigstens im Langhause, das beim Eintritt
den Eindruck zunächst beherrscht, bereits in vorgeschritteneren Decennien
des 17. Jahrhunderts durchgeführt, da die allerstrengste Auffassung bereits
eine beträchtliche Lockerung erfahren hatte.
Das eigentliche Decorative hatte somit seine mageren Jahre in der
Zeit des strengen Barockstils. Das hat sich in Rom auch im weiteren
Verlaufe des 17. Jahrhunderts nicht wesentlich geändert. Es ist zwar
eine naturgemäße Revolution gegen den langen Druck eingetreten; sie
hat aber nur die großen Formen in Aufruhr gebracht; Bernini hat mit
seinem Tabernakel von St. Peter, Borromini mit seinen berüchtigten
wellenfürmigen Fassaden die Herrschaft der Geraden gebrochen und diejenige
der Curve an ihre Stelle gesetzt: aber die Detailformen behalten
selbst dann noch im Allgemeinen ihre structive Grundbildung bei und