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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 7)

Dieser Hoffnung entspricht aber das vorliegende Werk nur zum geringen Theil. Es ergänzt

 wohl das Verstandniss für Klinger. aber eine Einführung in den Geist seines

Schaffens bildet es nicht. Eine abgeschlossene Charakteristik gibt nur der Text, der

selbständig und ohne Rücksicht auf die vorhandenen Abbildungen abgefasst ist. Auf das

dem Text zu Grunde liegende Abbildungsmaterial müssen wir aber verzichten. Es herbeizuschaffen

 und in systematischer Weise anzuordnen, stieß offenbar auf unüberwindliche

Hindernisse. Sonderrechte und commercielle Interessen dürften sich, wie so oft, auch

hier einem zweckentsprechenden Durchführungsplane entgegengestellt haben, und so

bildet dieses, Wenngleich ohne Zweifel unter bedeutenden Opfern und Muhen entstandene

Werk im Wesentlichen nur eine Erweiterung und Vervollständigung des bereits Publicirten,

 das aber, wie gesagt, leider noch lange nicht genügend bekannt ist.

Die Vollbilder nach den 25 Textillustrationen beginnen mit acht Federzeichnungen

zum Thema Christus, im Besitze der Berliner Nationalgalerie, höchst charakteristische

und für den Entwicklungsgang des damals ztjahrigen Künstlers bedeutungsvolle Blätter,

nicht ungeeignet, ein frühes Entwicklungsstadium Klingefs zu demonstriren. Hierauf

folgen sechs Blätter einer classischen Anthologie, die sich zeitlich dem Vorangegangenen

gut anschließen, und für Klingefs eigenartiges Decorationstalent, das auch im Nebensächlichen

 alles Bedeutungslose vermeidet, sprechendes Zeugniss ablegen. Es sind höchst

anmuthige Phantasien, Prnducte jener kurzen Entwicklungsphase Klingefs, in der er

dem allgemein geltenden Geschmack: nahe kam.

So weit ist gegen die Reihenfolge der Blatter kaum Wesentliches einzuwenden.

Nun folgt aber ein großer Sprung. Die nächste Seite beginnt mit op. X, oEine Lieben.

Ein weiter Weg in der Entwicklung des Künstlers liegt zwischen diesem und dem vorher

genannten Werke. Schwer vermissen wir die berühmte nParaphrase über den Fund eines

Handschuhesu, die -Rettungen Ovidischer Opfern, die i-lntermezzi- und vieles Andere.

lndess ist die Reproduction dieser zehn Blätter insoferne eine höchst verdienstvolle Gabe,

als die Originaldrucke dieses Cyklus vergriGen sind. Was nun weiter folgt, entzieht sich

so gut wie ganz jeder systematischen Behandlung. Der Zufall hat es zusammengebracht.

Oelbilder, gegenwärtig theils im Privalbesitz, theils Eigenthum des Künstlers, Farbenskizzen,

 das Vereinsdiplom der deutschen Spiritusfabrikanten und allerlei Studien, darunter

solche zu op. lX: wVom Todes, (wie nMutter und Kind: und i-Elendn) zur nBrahms-Phantasie-

 und Anderes. Unter diesen Blättern dürften die Heliogravuren nach Klingefs

Oelgernälden, die sich zum großen Theil im Privatbesitz befinden, die willkommensten

sein. Einige davon, wie wSpaziergangn, rGesandtschafn und lParis' Urtheill, reproduciren

zwar das Original in allzu starken Reductionen, andere dagegen, wie rSireneu, IAm

Strandes und wCampagnav, geben die ursprüngliche Stimmung deutlich wieder.

Höchst dankenswerth sind endlich die drei Reproductionen plastischer Werke:

nSalomeu, nKassandrau und nTanzerinu. Sie bilden, obwohl in ihrer Art ebenso abseits

stehend von jeder Tradition wie die Gemälde, Radirungen und Zeichnungen, diejenigen

Werke, in denen Klinger's Große, so weit diese Collection sie zur Anschauung bringt,

am greifbarsten zum Ausdruck kommt. Man bedauert nur, dass bei nKassandrac und

nSalomeu die farbige Wirkung der Bildwerke nicht wiedergegeben ist, denn hier bildet

die Farbe insofcrne einen noch wesentlicheren Bestandtbeil des Kunstwerkes wie bei

den Oclbildern, als hier die Phantasie nicht nacbhilft.

Auf den Text übergehend, der den Eindruck macht, als hatte der Verfasser der

Bedeutung Klinger's auf dem Wege gesuchtester Wortbildungen und Redewendungen

beizukommen gesucht, kann nicht verschwiegen werden, dass größere Einfachheit und

Klarheit die Lectüre weit genussreicher gestaltet hatte.

Dach wäre es ungerecht, den inhaltreichen und liebevoll durchgeführten Aufsatz

auf das allein bin abfällig zu beurtheilen. Wo der Autor einzelne Werke bespricht, verleihen

 ihm die genaue Kenntniss und der sichere Faden der Thatsachen in der Regel

auch jene natürliche Diction, mit der man auf gebildete Leser einen viel größeren Eindruck

 zu machen pflegt, als mit hinaufgeschraubten Phrasen, denen man ansieht, dass

sie so lange geknetet und umgeformt wurden, bis ihr dunkler Tiefsinn die Gemeinverstandliehkeit

 verlor.

Wien, den 22. Mai 1897. Jos. Folnesics.
            
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