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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 12)

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bringen. Aus fremder Materie wählt die Kunst") und ordnet, was zu 
ordnen ist; baut und verbindet, formt und bildet, bringt Form und Farbe 
in Einklang. Dass bei diesen Vorgängen in ihrer einfachsten Art die 
Natur nur sehr wenig Vorbilder bieten kann, ergibt sich bei näherer Be- 
trachtung der technischen Verfahren. Die Bildungen der tektonischen 
Kunst finden sich in der Natur nicht vor. Die Natur kann weder weben 
noch flechten, noch bauen oder zimmern u. s. w.; es sind ihr daher die 
Formen, die sich aus solchen und anderen Techniken von selbst ergeben, 
durchaus fremd. Nur im übertragenen Sinne nennt etwa die physio- 
logische Anatomie gewisse organische Gebilde Geflechte und Gewebe, 
deren Anordnung sie von den Arbeiten der Menschenhand himmelweit 
verschieden erscheinen lässt und die ihrem Wesen nach auch der Be- 
obachtung durch den Menschen einer nicht weit zurückliegenden Kunst- 
epoche gänzlich unzugänglich sein mussten. Mag nun das Formen und 
Verbinden einzelner Theile was immer für einer Materie wirklich statt- 
finden oder durch die graphische Darstellung von Linien und Flächen 
nur ideell versinnlicht werden, immer haben wir es mit der Bethätigung 
eines Princips zu thun, zu der kein Mensch durch lmpulse genöthigt 
wird, die er sich bei Betrachtung der Formen der Außenwelt holt. Maß- 
gebend für das Thun des zuerst schaffenden sind die Eigenschaften der 
Materie, die er durch Erfahrung kennen gelernt und seinen Zwecken 
dienstbar gemacht hat; der inneren Nöthigung gehorchend, betritt er 
dabei Pfade, die ihn auf das Gebiet des Bedeutsamen und Schönen 
führen. 
Das Princip des Formens und Fügens auf seine einfachste AeuBe- 
rungsart zurückgeführt, das constructive Princip, waltet in jeder 
der bis jetzt durchlaufenen Kunstperioden. Die Zierformen, auch der 
modernsten Richtung, kommen ohne jegliche systematische Construction 
nicht aus. Sind die Elemente der Zierformen was immer für einem 
Schatze entlehnt, sind sie nun der Natur entnommen oder frei erfunden, 
immer wieder drängt sich dem Künstler die Nöthigung auf, bei ihrer 
Verwendung Ordnung walten zu lassen; sich die Motive seiner Ornamente 
erst nach passender Auswahl zurecht zu legen, um sie sodann in zweck- 
entsprechende Anordnung zu bringen. Auch die scheinbar sich völlig frei 
und zwanglos präsentirenden Gebilde, viele Individuen der Thierwelt und 
vor Allem die Gestalt des Menschen, unterliegen den allgemeinen Ge- 
setzen künstlerischer Anordnung, der Raumvertheilung und Linienfüh- 
rung n. s. w. vor Allem dann, wenn sie sich dem Gefüge des Ornaments 
beigesellen oder selbständig als Zierforrn auftreten sollen. Regellose Ver- 
wendung irgendwelcher Form als Ornament kann ebeusowenig als Kunst- 
') Es scheint mir, dass schon bei Giordnno Bruno, d: lmmenso e! lnnumerabili, 
8, m. der Gedanke vollständig zum Ausdruck gebracht ist: Ars trlctat muterium uliensm; 
nntun muterinm proprinm. Ars circa materiam est; natura interior muten" e.
	        
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