Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1896 / 4)

Wer auf der Ausstellung diesem Punkt einige Aufmerksamkeit zuwendet,

 wird bei dem Anblicke der hohen steifen Halsbinden und Rockkrligen,

 des knappen Fracks u. s. w. nicht umhin können, einen Fortschritt

 anzuerkennen.

Die Damenwelt bleibt davon unberührt, und ein Accessorium der

weiblichen Toilette, der Schmuck, läBt auf's lebhafteste die Tyrannei der

Mode bedauern. Wir haben in der Ausstellung sehr schöne Schmucksachen,

 aber wie wenig im Verhältniss! Natürlich, mit dem Kleiderschnitt

und den Haarfrisuren müssen auch Hals- und Armbänder, AgralTen,

Schließen, Ringe, Nadeln und alles Zubehör sich fortwährend neue Gesetze

geben lassen, die Materialien sind zu kostbar, als dass man die plötzlich

vnicht mehr schönen, auch wohl nicht mehr ustilvolleu Bijouterie einfach

in Ruhestand versetzen könnte; so werden Edelsteine und Perlen neu

gefasst, und damit verschwinden die charakteristischen Erzeugnisse eines

der edelsten Kunstzweige fast völlig - unersetzlich. Denn wenn sich

auch der Tagesgeschmack wieder früheren Zeiten zuwenden wollte, das.

was früher war, kann er nicht in's Leben zurückrufen.

Den Einfluss der Sitte können wir auch an gewissen anderen, für

die Männerwelt bestimmten Goldschmiedarbeiten beobachten. Zur Zeit

des Congresses schnupfte noch Jedermann, und daher war die Tabaksdose

 ein allgemein beliebter Geschenkgegenstand. Regenten verliehen

goldene Dosen mit ihren Miniaturbildnissen, auch wohl mit Umrahmung

von Diamanten, als Zeichen der Huld, und unsere Ausstellung birgt eine

schöne Sammlung solcher Andenken; in anderen Kreisen widmete man

einander Dosen mit Emailgemälden oder einfache silberne und vergoldete

mit eingravirten Daten; auch die runde Horndose war beliebt, die schlichte,

als man noch "die empfindsame Reisen las, bemalte etwa im Geschmack

einer nicht empfindsamen Reise (nin's mittägliche Frankreichu), mit Copien

nach Galeriebildern oder mit süßlichen Frauenköpfen (ein nDosengesichtchenn

 galt als Schmeichelei für junge Mädchen); dann kamen andere

Arten der Technik zur Verwendung, Goldpique in Schildkrot u. A. m.

Das hat Alles aufgehört und mancher Kunstzweig ist damit brachgelegt,

weil auf Cigarren- und Cigarettenbüchsen solche Sorgfalt nicht verwendet

 wird. Namentlich Elfenbeine und Emailmalerei haben durch den

Geschmackswechsel viel eingebüßt, denn Dosen, die heute geschmiedet

und bemalt werden, entstehen anonym, müssen sich für ältere Werke

ausgeben, um in Sammlungen Unterkunft zu finden.

Wir haben wenig Vertrauen dazu, dass die dem Anschein nach

wieder erwachende Liebhaberei für Musikwerke einige Abhilfe schalten

werde. In der Ausstellung erinnert Vieles an die einstige Vorliebe für

die mechanischen Werke, die einen bescheidenen musikalischen Genuss

verschaEen. Sogar in dem napoleonischen Schreibtische aus Malmaison

fehlt es nicht, und Spieldosen waren sehr verbreitet, oft wirkliche Kunst-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.