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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 3)

Kunstperiode herangebildete Kunst begegnet, dort pflegen wir von einer

Renaissance, einer Wiedergeburt der Kunst zu reden. Wir denken uns

dabei aber nicht die Kunst im Großen und Ganzen wiedergeboreni

sondern nur die bessere, die nachahmungswürdigere, die ältere Kunst,

von deren Höhe man inzwischen aus irgend welchen äußeren Gründen

herabgesunken war. Und die Geschichte lehrt, dass mindestens bis zum

16. Jahrhundert, also bis an die Schwelle unserer, der neueren, der

modernen Zeit, jede solche Renaissancebewegung schließlich zur Begründung

 und Entwicklung einer wesentlich neuen Kunstblüthe geführt hat,

Eine nähere Untersuchung der Bedingungen, unter denen die von

der Kunstgeschichte bisher verzeichneten Renaissancen in's Leben getreten

 sind, darf des historischen Interesses sicher sein, das unsere Zeit

so feinfühlender Massen gerade den Stadien des ersten Keimens und

Werdens auf allen, der historischen Forschung zugänglichen Gebieten

entgegenbringt. Aber nicht genug damit: der Gegenstand darf über das

rein wissenschaftliche, historische Interesse hinaus auch ein aktuelles,

praktisches in Anspruch nehmen. Die Kunst des 19. Jahrhunderts, die

moderne Kunst, ist ja charakterisirt durch das rastlose und unermüdliche

Streben und Trachten nach einer höheren Blüthe, durch das Suchen nach

einem Auswege aus dem unmittelbar Vorangegangenen, durch das leidenschaftliche

 Verlangen nach einer besonderen, eigenartigen Stilweise. Bis

in die klassizistische Zeit, also bis in den Anfang unseres Jahrhunderts,

gehen die Versuche zurück, aus der durch die italienische Renaissance

des 15. Jahrhunderts begründeten Kunstweise der neueren Zeit heraus, zu

einem anderen, originellen, unseren geänderten Culturverhältnissen angepassten

 Stil zu gelangen. Was wir Modernen damit anstreben, ist also

gewissermaßen auch nichts anderes als eine Renaissance, eine Wiedergeburt

 der Kunst, und dies umsomehr, als auch die erste Grundbedingung

für eine Renaissance der Kunst in den heutigen Kunstbestrebungen vorliegt:

d. i. das Anknüpfen an frühere, vergangene Stilweisen. Aber es ist mit

diesen heutigen Bestrebungen bisher im Allgemeinen nur beim Versuchen

geblieben. Einen Erfolg, einen vollen, unzweifelhaften Erfolg auf der

ganzen Linie des Kunstlebens, haben die modernen Renaissancebestrebungen

bisher nicht aufzuweisen, oder mit anderen Worten: das 19. Jahrhundert

hat es bisher noch zu keinem eigenen Kunststil gebracht.

Diese Wahrnehmung drängt uns sofort zu fragen: Was wohl die

früheren Renaissancen der Kunst, zum Unterschiede von der heutigen,

so rasch und sicher zum Ziele geführt haben mag? Welche sind die

Bedingungen gewesen, unter denen jene früheren Renaissancen entstanden

sind, wiederum zum Unterschiede von der heutigen? Versuchen wir es

im Wege der historischen Betrachtung, eine Antwort auf diese Fragen

zu linden.

Die Kunstgeschichte verzeichnet bekanntlich mehrere Renaissancen der

Kunst. Diese streng wissenschaftliche Auffassung ist wohl zu unter-24'


            
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