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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 8)

praktischester Form, die auch stark an die gegenwärtigen Phelonien 
erinnert, aber doch vorne tiefer herabgeht. Das weite Rückenstück um- 
schließt die Gestalt des Trägers derart, dass es fast den Eindruck einer 
Glockencasula macht, während der Schnitt des Vordertheiles den Arm- 
bewegungen bei der Liturgie nicht hinderlich ist. Zweifelhaft erscheint 
es uns, ob der untere Abschluss des Vordertheiles noch intact sei. 
ln der romanischen Zeit scheint die Freudigkeit an den weichen 
sarazenischen Stoffen der vollen Glockenform und ihrer Faltenpracht auf 
Kosten der Bequemlichkeit den Vorzug gegeben zu haben. Und wie an der 
Paenula der Katakomben Purpurstreifen parallel von den Schultern herab- 
gehen, sehen wir auch jetzt goldgewirkte Streifen, die bekannten anri- 
frisia, über die Mitte des Vorder- oder Rückentheiles einfach oder doppelt 
geführt. Auf der Brust oder rückwärts gegen die Schultern zu verzweigen 
sich jene Bänder und bilden eine Art Gabelkreuz, aber so, dass Vorder- 
und Rückseite correspondiren und ihre Bänderzüge auf den Schultern 
sich treHen. Ein sehr einfaches, naturgernäßes Ornament ergab sich auf 
der Vorderseite dieser Casula, wo der Zierstreifen übrigens einem tech- 
nischen Bedürfnisse seine Entstehung verdankt: er deckt nämlich bei der 
Glockencasula die hier befindliche Naht; darum geht er von der Hals- 
Öffnung bis an den unteren Rand herab. Der unvermittelte Abschluss 
des Aurifrises nach oben schien aber manchen der alten Paramenten- 
schneidet nicht befriedigt zu haben und darum halfen sie sich einfach 
durch Querstellung eines weiteren Stückes von demselben Zierstreifen und 
es ergab sich hiedurch eine Art T-Kreuz. Dieses wurde dann später mehr 
ausgebildet auf Vorder- und Rückenseite angebracht; an seine ursprüngliche. 
aus der Technik erklärbare Gestalt erinnert aber jetzt noch auf italienischen 
Messgewändern ein ganz eigenartiger Bordenzug des Vordertheiles. Leider 
blieb das Verständniss für die Anbringung von Borden nicht immer im 
Geleise historischer Tradition. Besonders unsere gegenwärtigen Borden 
genügen nicht mehr zur Verzierung und man setzt frischweg zwischen 
dieselben irgend ein anders gearbeitetes, ja sogar andersfärbiges Stück 
ein. Damit sind die Borden nicht mehr Verzierung wie die alten clavi, 
sondern der Ran d einer mehr selbständigen Verzierung geworden, welche 
die gleichmäßige Flächenwirkung des Stoßes und damit den oben er- 
wähnten Kleidcharakter stört. Und hiemit stehen wir vor einem der 
Hauptfehler moderner Paramentik: man lässt solch" ein Mittelstück, ob 
nun Säule oder gar ein völlig ausgebildetes Kreuz, durch Farbe oder 
Technik völlig, ja schreiend aus dem Gesammtbilde der Casula hervor- 
stechen! Das ziert nicht mehr, sondern - wie der Techniker sagt - es 
fällt heraus, und liturgisch ist es verboten, zwei verschiedene kirchliche 
Farben auf einem Paramente anzubringen. Diese Fehler hängen aber 
damit zusammen, dass wir in der Gegenwart schon ganz um den ästhe- 
tischen Eindruck gebracht sind, es handle sich um ein Kleid. Darum 
war es uns Eingangs wichtig, aus der Katakombenzeit, wenn es auch
	        

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