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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 8)

damals keine Paenula und keineiCasula gab, die Ueberzeugung zu 
schaffen, dass nicht irgendeine stereotype Form, sondern überhaupt ein 
geheiligtes Kleid, wie es die Sitte gerade mit sich brachte, für den hei- 
ligen Opferdienst erfordert wurde. ' So ist auch gegenwärtig der Schnitt 
weniger wichtig als der Kleidcharakter. Wie malerisch umschließen 
diese alten Glockencaseln den ganzen Körper, wie sie jetzt noch iin den 
Rheinlanden zu finden sind und jenen Caseln eben den Namen der 
gothischen einbrachten. Freilich, über die Arme herauf müssen die reichen 
Falten mit Schleifen oder Schnüren auf- und festgezogen sein. Dies mag 
die alten Seidenstolie und Brocate an jenen Stellen eher brüchig ge' 
macht haben; steifere Stickereien, besonders die in Relief und Appli- 
cation ausgeführten, eigneten sich dann überhaupt weniger für- den 
Faltenstil, und immer mehr wurde auf die Paenula nohilis lzurückgegangen 
und: ihre Formen eher verengt als erweitert. Aus dieser Zeit stammt 
unser herrlicher burgundischer Ornat, die schönste Stickerei und das 
kunstvollste Parament, das existirt. Diese Hauptzierde unseres kunst- 
historischen Hof-Museums hat vollständig den Schnitt der antiken 
Paenula nobilis. ' , 
Am Ende des 15. Jahrhunderts tritt uns zum ersten Male die mo- 
derne Form des parallelen Seitenschnittes entgegen, so dass also die un- 
versehrte Paenulaform circa iooo Jahre geherrscht hätte. Das Concil 
von Trient (1545-1563) für die Schnittänderung verantwortlich machen, 
ist erstens zeitlich nicht gerechtfertigt, heißt aber auch die eigentlichen 
Gründe dieser Aenderung in der Caselform übersehen. An alten, halb ab- 
gebrauchten Stücken wurden bei einer Reparatur die schadhaften Seiten- 
theile einfach weggeschnitten, da sich der alte Stoff durch damaligen 
nicht ersetzen ließ. Ein deutliches Beispiel dafür ist die Casel von Göß, 
die ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert stammte, und wie ein Blick 
auf die rohen Schnittstellen lehrt, später erst zugeschnitten wurde. Ab- 
gebildet ist dieses Messkleid in der Photographiensammlung des Oesterr. 
Museums und in Rohault de Fleury, l. c. 8. Bd. Pl. DCXVll. Aehnlicher- 
weise ist auch auf den Stücken des Kensington-Museums (Pl. DCXlll) 
und der Casula von Anagni (Pl. DClll), die beide auch aus dem 13. Jahr- 
hundert stammen, ohne Rücksicht auf Bilder und Ornamentation der 
Schnitt mit der Scheere geführt worden. Die Abnützung war aber auf 
Vorder- und Rückentheil eine ungleiche, daher ist auch der Unterschied 
im neuen Schnitt theilweise mechanisch zu erklären. Die der Abnützung 
am meisten ausgesetzten Theile waren auf dem Vorderarm und von da 
gegen die Brust zu. Um nun eine Gleichförmigkeit des Vorder- und 
Rückentheiles zu erzielen, musste auch letzterer eine Art wBassgeigen- 
forma annehmen, die sich gegenwärtig in sehr drastischer Weise noch 
an den Rückentheilen der spanischen Messkleider erhalten hat (cf. mein 
Weltbild kirchlicher Kunst, Paderborn 1889). Aber schon im I4. Jahrh. 
suchte man das wenig Kleidsame dieses Schnittes zu meiden und ließ
	        

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