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die allgemeine Desorientirung bezeichnen, als das Haschen und Tasten
nach immer neuen Stilen in der Baukunst, im Kunstgewerbe, so dass
wir nun, streng historisch, wie es unsere Art schon ist, mit der Antike
beginnend, nun glücklich wieder bei Empire und Altwien, ja in der
Frauenmode bei 1830 angelangt sind? Möchten, wir vor einer Renais-
sance der Fünfziger Jahre verschont bleiben! Die falsche Auffassung des
Winckelmandschen Wortes von der erhabenen Einfalt der Antike, welche
den Grundzug dieser ganzen Richtung des Empire bildet, zeigt sich auch
in der Medaille. Linealmäßige trockene Contour, ein flaches, jedem feinen
Detail ängstlich ausweichendes Relief, monumentale Langeweile kenn-
zeichnen die Durchschnittsleistungen dieser Zeit und ihres Stiles, welcher
leider auf unseren Münzen, die man dereinst wohl als den Typus der
Oede und Langeweile citiren wird, fortdauert. Wie die bildende Kunst
überhaupt, so erreicht auch die Medaille den Stand ihrer tiefsten De-
pression im letzten Drittel unseres Jahrhunderts, jener Periode der roman-
tischen Reaction, in der trotz und vielleicht gerade wegen der herr-
schenden nebulosen Phantastik das Verständniss für die Verschönerung
des Daseins durch die Kunst im Volke überhaupt verschwunden schien.
Aus jener Zeit der absoluten Nüchternheit, deren Nachwehen auch wir
noch in den Gliedern fühlen, stammen jene Bauten, deren einziges ästhetisches
Gesetz Lineal und Winkelmaß zu sein scheint, wie von jener gespenstigen
Philisterhaftigkeit beseelt, die Callot-Holfmann so trefflich zu schildern
weiB. Ihnen reihen sich würdig jene entsetzlichen Erzeugnisse der Medaillen-
kunst an, welche schon durch die abscheuliche Unsitte, das Relief auf
spiegelnd polirtem Grund aufzusetzen, den Stempel der Barbarei an sich
tragen und nicht blos durch die unangenehme pfefferkuchenartige Fär-
bung ihrer Bronze an die süßen Producte der Jahrmarktsbuden erinnern.
Es ist nicht meine Sache, die Bewegung gegen diese schal gewor-
dene Akademiekunst zu schildern, noch wie speciell Wien mit der Ge-
schichte jener Bewegung verknüpft ist. Freilich dürfen wir uns keiner Täu-
schung dsrüber hingeben, dass die Anschauung, die Kunst sei eben ein
schöner Luxus, noch sehr tief wurzelt und dass namentlich unser Kunst-
gewerbe doch keine rechte Heimstätte hat. Auch die Medaille ist hinter
dem allgemeinen Aufschwung nicht zurückgeblieben; einen neuerlichen
Beweis dafür erbringt das jetzt im Oesterr. Museum ausgestellte Werk
L. O. Katy's.
Die Regenerirung der französischen Medaille datirt nicht von
gestern "). Schon in den Dreißiger Jahren hat Oudine die Trockenheit
des Empire zu überwinden gesucht, David sich am Quattrocento ge-
bildet "). In diesen Studien sind dann die Jüngeren nachgefolgt. Pons-
"j Vergl. den Aufsatz von Alberts, La grlvure en medailles contemporaine im
An 1889, i; aoür.
") So in seiner Medaille auf die berühmte Mailänder Sängerin Giuditta Pasta (ab-
gebildet in der Rivistn ituliana di numismaticn 1889, 524).