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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1893 / 3)

- alle diese Factoren mehren und verzweigen sich ohne Rast und

Aufenthalt.

Vergleiche hinken. Dennoch möchte ich die unveränderlich giltigen

Gesetze der Ornamentik mit den gleichfalls unveränderlichen, dabei aber

sich stetig weiter entwickelnden und in neuer Form sich bethätigenden

Gesetzen des musikalisch Schönen vergleichen.

Haben wir einmal das Gesetzmäßige der ornamentalen Kunst in's

Auge gefasst und uns von der Wichtigkeit desselben durchdringen lassen,

so können wir uns auch der Einsicht nicht verschließen, dass es zu

seiner Entwicklung der unausgesetzten eifrigen Pflege der Tradition

bedarf, welcher allein wir die Summe von Erkenntniss verdanken, die

aus jahrtausendelanger, schrittweise sich mehrender Erfahrung entspringt.

Das Fallenlassen der Tradition würde einen Rückschlag bedeuten, ein

Umkehren zum Stande der Unvollkommenheit. Doch nur das Fallenlassen

 der Tradition als der Lehrmeisterin des allgemein Giltigen.

Und diesem allgemein Giltigen unterordnen sich die Ausdrucksmittel,

 welche dem Künstler zu Gebote stehen. - Der Formenschatz

und die Formensprache aber haben in der Ornamentik seit uralten Zeiten

gewechselt ohne Unterlass und sie werden es auch in Zukunft. Die

unabsehbare Reihe von Stilgattungen und Stilvarianten zeigen uns, in

wie mannigfaltiger Weise, beeinflusst von mancherlei Haupt- und Nebenumständen

 das Bedürfniss nach künstlerischer Formenschöpfung und nach

ornamentaler Ausstattung bethätigt werden kann. Sollte auch der Gesammtschatz

 an ornamentalen Ausdrucksmitteln mit einem Schlage getilgt und

in Vergessenheit gebracht werden können, eine neue Fülle von Motiven

würde sich sofort wieder erschließen und von dem Künstler benützt

werden - nach Wahl und Anordnung, zu vollkommenster Wirkung.

Und sollte er in der ihn umgebenden Erscheinungswelt nichts als Urbild

ihm Zusagendes finden können, so wird seine unerschöpfliche Phantasie

das vorhandene Geschaute umgestalten oder die tauglichen Gebilde neuschaifen

 nach Lust und Liebe.

Und Neues aus sich selbst heraus schuf und schafft er auf dem

Gebiete des Schönen zu allen Zeiten, so viel auch: dagegen gesprochen

werden mag. Lehrt ihn die Natur die ersten Gesetze der Statik und

Dynamik und setzt ihn hiemit in den Stand, den Weg zu beschreiten,

welcher ihn zu baulicher Thätigkeit führt, zur Ausübung der Tektonik,

der textilen Kunst, der Metallbearbeitung u. s. w., so ist es die ihm

innewohnende, physiologisch zu begründende Nöthigung, welche ihn

allem Geschaffenen die schöne Forrn außer der nützlichen geben

lässt. Sowie das einfachste Schmuckmittel aus den Ergebnissen der

Technik allein schon entstehen kann, wird auch die Gestaltung eines

jeglichen constructiven Productes der Menschenhand zunächst abhängig

sein von den Fällen des technisch Erreichbaren, aus welchen mit Rücksicht

 auf das praktisch Nothwendige und das sinnlich Geforderte die
            
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