ZÖ
Wir haben hier einen deutlichen Hinweis auf die Thatsache vor
uns, dass zu Anfang des 14. Jahrhunderts mehrere und wesentlich verschiedene
decorative Richtungen nebeneinander gepflegt werden, aus
deren Verschmelzung erst der volle Reichthum der Renaissance-Ornamentik
resultirt. Es dauert aber noch eine Weile, bis eine solche Vereinigung
verschiedener Elemente stattfindet, und wir werden sehen, wie
sie zuerst ganz äußerlich sich vollzieht und erst nach und nach ein
neuer Organismus daraus hervorgeht. Wie auf den übrigen Kunstgebieten
gehen auch hier Gothik, Naturalismus und Antike eine zeitlang
noch nebeneinander, nur lassen sich die Fäden schwer entwirren, denn
eine künstlerisch so lebhaft bewegte, leidenschaftlich vorwärts strebende
Zeit wie diese spottet jeder schematischen Entwickelung, um so mehr,
als jeder einzelne Künstler nach Kräften an dem gesammten Kunstleben
theilnimmt und von gar mannigfachen und verschiedenartigen Seiten seine
Anregungen empfängt.
Einer der frühesten und entschiedeusten Naturalisten der Renaissance,
Donatello, kommt für unsere Frage wenig in Betracht. Wo eine
rein decorative Aufgabe an ihn herantritt, sucht er billigen Kaufes loszukommen.
Seine Naturliebe und sein Naturstudium hat sich andere Ziele
gesteckt; für ihn verlieren neben der Wiedergabe der menschlichen Erscheinung
alle anderen Aufgaben an Interesse und Bedeutung. An jenen
Orten, wo er gemeinsam mit Brunellesco arbeitete, wie z. B. in der
Sacristei von S. Lorenzo, ist sein Verdienst an den decorativen Arbeiten
schwer festzustellen. Aber am Grabmal des Papstes Johann XXIll. im
Baptisterium zu Florenz, das er gemeinsam mit Michelozzo ausführte,
bei der berühmten Verkündigung in S. Croce, auf den Kinderreliefs in
Padua u. s. w. sehen wir, wie er sich mit der Wiederholung der gangbarsten
antiken Motive begnügt. In seiner interessantesten decorativen
Composition, dem Bronzecapitäl der Kanzel von Prato, einer Arbeit. die
um 1428 entstand, zeigt er sich wohl als Meister der freien Erfindung,
gewinnt aber nicht jenen Linienfluss und klaren Organismus, den spätere
Künstler in solchen Compositionen erreichen.
Anders Donatellds Freund und Studiengenosse Brunellesco. Er
ist vielleicht der erste, deines gelingt, antike und modern-naturalistische
Elemente in Eins zu verschmelzen. Hier finden wir weise Berechnung
mit feiner Empfindung gepaart. An Stelle einer schier zügellosen Phantasie
der Spätgothiker das vornehme Maßhalten der Antike. Nur in bescheidener
Weise gestattet er dem frischen Naturalismus, ein Wörtchen
mitzureden, aber ebenso entschieden hütet er sich vor trockener Wiedergabe
antiker Motive. Wie Keiner vor ihm weiß er die Formen von innen
heraus zu beleben, ein deutlicher Hinweis, wie wenig ihm das Naturstudium
auf diesem Gebiete fremd war. Dabei beherrscht seine Decorationsweise
ein seltener Adel, eine Vornehmheit, welche der Vermischung
mit fremdartigen Elementen entschiedene Vorsicht entgegenbringt. So an