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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1892 / 2)

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natürlichen Ordnung sei; was unnatürlich, seelenlos ist, kann daher nie 
christlich sein und wird niemals den Forderungen der Kirche Christi 
entsprechen. Das wahrhaft Christliche ist auch das Leben gebende und 
nicht Carikirende und gerade die Kirche stellt die höchsten Anforderungen 
an die wahre Kunst. Es ist darum ein Hohn auf die vorgeschützte christ- 
liche Auffassung, was man, an missverstandenen Zeichen einer äußerlichen 
Frömmigkeitsform hängend, sowohl in unseren reich assortirten nchristlichen 
Kunstlädenu wie leider auch schon in den Kirchen so sehr zu sehen 
gewöhnt ist. Ja nicht erst einmal wurde eine wirklich künstlerische, indi- 
viduell aufgefasste Darstellung, weil sie dem vermeintlichen Typus nicht 
entsprach - für nicht religiös und unkirchlich gehalten! Dieser zur heil- 
samen Charakteristik nöthige Vorwurf der Geschmacksverbildung auf 
der einen Seite wird freilich, wenigstens für die Zukunft, durch die That- 
sache gemildert, dass kaum irgendwo so viel für die kirchliche Kunst und 
die Kenntniss ihrer Formen geschieht wie bei uns. 
Ebensowenig darf aber auch eine andere, für dieses Gebiet verhängniss- 
volle Beobachtung an unserer Künstlerwelt verschwiegen werden. Gleich 
unbestreitbar als kaum verständlich bleibt es, dass sich ein für kirch- 
{iche Zwecke arbeitender Künstler um die Bedürfnisse, Vorschriften oder 
Traditionen der Kirche theoretisch wie praktisch nicht kümmert. In Wien 
haben wir eine Kirche, welche für den Gottesdienst am Altar wie für die 
Predigt so gut wie unbrauchbar ist. Es mag überraschend klingen, das 
diejenigen Kirchenbesucher, welche dem Hochaltar im Hauptschilie am 
nächsten sitzen von demselben am wenigsten sehen, ist aber ebenso richtig 
wie dass in demselben Gotteshause die Schallwellen des Predigers ein 
derartiges Interesse für die reichverzierte Kuppel und die genial geglie- 
derten Umgangsgewölbe haben, dass man die Predigt eigentlich nur sehen, 
nicht aber hören kann. In der jüngten Zeit wurde ein Altarbau dem öffent- 
lichen Zwecke - ich sage absichtlich nicht Gebrauche- übergeben, dessen 
abstoßende, schleuderhafte Ausführung und Eintheilung alle kirchlichen 
berechtigten Anforderungen einfach ignorirt. Es braucht nicht erst be- 
wiesen zu werden, dass durch ein solches Vorgehen das Vertrauen 
zwischen Clerus und Künstler nicht wächst, wohl aber die für beide 
Theile traurigen praktischen Folgerungen der Entfremdung sich steigern. 
Es mag freilich auch der inneren Abkehr der Geister von den Idealen einer 
übernatürlichen Ordnung überhaupt zuzuschreiben sein, dass auch außer- 
halb der Kirchenmauern angeblich religiöse Werke des Meißels oder Pinsels 
die gähnende Kluft nur deutlicher machen. Doch nicht von dieser übel- 
verstandenen und noch weniger von der materialistischen oder antireli- 
giösen Tendenzkunst haben wir zu sprechen. Die der Kunst eingeborenen 
innersten Gesetze werden von selbst die consequente Erreichung dessen, 
was der Naturalismus anstrebt, unmöglich machen. Nicht von dieser inner- 
lichen Freiheit und zugleich Gebundenheit der Kunst an sich (so sehr 
auch die besondere Gottähnlichkeit künstlerischen Schaffens anziehen mag),
	        

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