der Autorität Lessing's geradezu die Verpflichtung erwuchs, seine Stellung
zu den bezüglichen Fragen neuerdings zu präcisiren. Und dies ist denn
auch in einer wenngleich knappen, so doch wenigstens für den mit der
Materie auch nur oberflächlich Vertrauten vollauf genügenden Weise
geschehen.
Die Hauptlinien von Lessing's Ansichten lassen sich folgendermaßen
umschreiben. Wenn man von kaukasischen, central-asiatischen und einigen
Nornadenerzeugnissen absieht, ist die große Masse der erhaltenen orientalischen
Teppiche älterer Entstehung in zwei große Gruppen zu theilen
in türkische und in persische. Den Beweis für die Zulässigkeit einer solchen
Zweitheilung liefern hauptsächlich die emaillirten Fliesen aus Kleinasien.
_5oviel über die Ortsbestimrnung. Was die Zeitbestimmung anbelangt, so
hält Lessing auch diese für leidlich durchführbar. Seine Kriterien hieflir
sind mehrfacher Art; für's Erste wiederum die erwähnten Fliesen, deren
Entstehung man in das i6. und 17. Jahrhundert zu versetzen pflegt; dann
die Abbildungen von orientalischen Teppichen auf Bildern europäischer
Maler des 16-18. Jahrhunderts. Außerdem gewisse innere Kriterien:
wo die Motive klar und streng ausgeführt vorliegen, wird auf das
16. Jahrhundert als auf die Blüthezeit geschlossen; die "aufgelösten Form
der Bllithen soll dagegen auf das 17. Jahrhundert weisen. Auch das
chinesische Element kann unter Umständen ein Kriterium abgeben. Endlich
hat Lessing in der richtigen Ueberzeugung, dass nur eine klare Erkenntniss
des Ursprungs und der Entwickelung der Einzelformen im
letzten Grunde eine allen Zweifeln entrückte Erkenntniss ihres Wesens
und ihrer zeitlichen Abfolge zu vermitteln vermag, auch einige Aeußerungen
über sein Verhalten zu den diesbezüglichen Fragen gethan. Dass
die orientalische Teppichornamentik im Wesentlichen eine Blumenrankenornamentik
ist, wird von Lessing vollkommen anerkannt. Innerhalb derselben
unterscheidet er die Arabeske, als deren Heimat ihm noch immer
Arabien gilt, ferner die in engerem Sinne persischen "Blüthenkolbenu,
hinsichtlich welcher er es mit Rücksicht auf ihr Vorkommen in der chinesischen
Kunst vorläufig offen lässt, ob sie China von Persien oder umgekehrt
letzteres von China übernommen hat, endlich die naturalistischen
Blumen: Nelken, Tulpen, Hyacinthen u. s. w., die er als Producte einer
neueren naturalistischen Weise der Kunstbetrachtung auf dem Boden des
türkischen Reiches auffasst. Hinsichtlich der Thierornamentik spricht sich
Lessing minder deutlich aus und scheint ihr auch ein weniger entscheidendes
Gewicht heizumessen als der Blumenrankenornamentik, worin ihm
übrigens vollständig beizupflichten ist.
Es wird hoffentlich nur zur weiteren Klärung der so überaus interessanten
Frage nach der älteren Geschichte des orientalischen Teppichs beitragen,
wenn ich in möglichster Kürze diejenigen Punkte bezeichne, hinsichtlich
welcher ich mich mit Lessing's Ausführungen nicht einverstanden
erklären kann. Der Zweitheilung in Bezug auf die Ortsbestimmung