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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 7)

Der französische Consul Scherzer berichtete 1882 an seine Regie- 
rung, im Jahre 1862 hätte die kaiserliche Porzellanmanufactur in Peking 
sich genöthigt gesehen, in einem Berichte an Se. Majestät sich zu ent- 
schuldigen, dass sie einen Auftrag in Tsihoung nicht auszuführen im 
Stande sei. Die europäische Technik hat nun diese Kunst übernommen. 
Eine Reihe von Keramikern ist in letzterer Zeit mit Anwendung 
leichterer Glasurcompositionen hinter das Geheimniss der rothen Kupfer- 
glasuren gekommen: Th. Deck in Paris, Haveland in Limoges, Bünzli in 
Krummnussbaum, Prof. Seger in Berlin, bis endlich die erschöpfenden 
Forschungen des Letzteren sowie jene von Lauth und Dutailly in Sevres 
die Sache vollkommen klargestellt haben und man die Technik nun 
beherrscht. 
Das Spiel der Flammengase im Ofen, das man nun ziemlich in der 
Hand hat, bringt an den Kupferrothglasuren wunderbare Varianten, Farb- 
tönungen hervor, die schon an den chinesischen Rothporzellanen so be- 
wundert waren. Kunst, d. h. Nebeneinander- und Uebereinandersetzen ver- 
schieden zusammengesetzter Glasuren kommt da der Flammenwirkung 
zu Hilfe und so entstehen die berühmten Flamboyes mit ihren lichten 
oder blauen, blaugriinen Flammen auf dem sattrothen Grundtone, die 
Sevres und Berlin heute am schönsten produciren. 
Unvergleichlich steht Sevres da durch Lauth's und Deck's Resultate 
in den Seladonglasuren, die an Schönheit und Klarheit die chinesischen 
Originale bedeutend übertreffen. Diese gebrochen grünen, so angenehmen 
und decorativen Farben kommen besonders schön zur Geltung als Email 
ombrant, d. h. wo sie flach gravirtc, mit leichten Reliefs ornamentirte 
Flächen überziehen und, die Vertiefungen füllend, durch die verschieden 
dicke Lage schattirt, das Ornament weich und zart durchschimmern lassen. 
Für diesen Zweck hat Deck Sevres mit einer eigenen Porzellan- 
masse bereichert, der wgrosse Porcelaineu, also Grob-Porzellan. Die 
Masse, aus gröberen Elementen und unter Zusatz von plastischem Thon 
zusammengesetzt, entbehrt des feinen, dichten Bruches und des Durch- 
scheines, ist also ein Mittelding zwischen Porzellan und Steinzeug, und 
vornehmlich für große und größte Decorationsstücke in einfacher, billi- 
gerer Ausführung berechnet, besonders für die eben geschilderten Seladons. 
Bei den mehrere Meter großen Kübeln, Jardinieren, Vasen, die nur 
durch Form, Farbe und breite Ornarnentation zu wirken haben, mit 
einer nothwendigen Wandstärke von 3-4. Centimeter ist der Charakter 
der Masse, Durchschein und Feinheit ohnehin nicht von Belang. 
Die neue Masse lässt sich dafür durch einfaches Einformen in Gyps 
ausgestalten, bedarf also des kostspieligen Gießverfahrens nicht; die Scul- 
pirung, Gravirung der Ornamente auf das rohe, ungebrannte Gefäß ist 
durch dic Plasticität der Masse erleichtert und der freien Handhabung 
des Künstlers, auch des nicht speciell keramisch geübten Sculpteurs 
anheimgegeben.
	        
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