sich entwickeln zu lassen; man kann diese Art als Fächerpalmette bezeichnen
und am ehesten auf das Weinblatt zurückführen, ein in frühmittelalterlicher
Zeit im Orient überaus verbreitet gewesenes decoratives
Motiv.
Die geschilderte Rankenornamentik tritt am greifbarsten an den
persischen Teppichen im engeren Sinne entgegen. Aber auch die Ornamentik
der vorderasiatischen, insbesondere der anatolischen und der Smyrna-Teppiche,
verräth unzweifelhaft denselben Grundzug. An den älteren,
noch nicht fabrikmäßig nach persischen Vorlagen gearbeiteten Smyrna-Teppichen
herrscht die gleiche Rankenornamentik wie in Persien, aber die
Ranken sowie die Blumenmotive sind eckig geknickt und gebrochen,
was einerseits der Knüpftechnik weniger Schwierigkeiten bereitete, anderseits
aus dem gesteigert abstrakten Grundcharakter aller vorderasiatischsarazenischen
Kunst erklärt werden kann.
Was ist nun im letzten Grunde die Ursache für die dargelegte
Gemeinsamkeit aller orientalischen Teppichornamentik? Am bequemsten
ist es da, mit der großen Ueberzahl derjenigen, die sich für diese Dinge
interessiren, eine selbständige Entwickelung aus sich selbst heraus anzunehmen.
Und in der That, wenn man das scheinbar kraus verlaufende
Linienspiel des Rankenwerkes auf orientalischen Teppichen näher verfolgt,
so findet man bald, dass man es da mit einer verhältnissmäßig geringen
Anzahl von Grundmotiven und mit einer trotz der scheinbaren, hauptsächlich
durch die Buntfarbigkeit erzeugten Verworrenheit ziemlich einfachen
Linienführung zu thun hat. Bedarf es zur Erklärung einer im
Grunde so einfachen Ornamentik historischer; Vorbilder und Zusammenhänge?
Auch die seit Jahren alleinherrschende Theorie von der technischmateriellen
Entstehung aller primitiven Schmuckformen hat ganz wesentlich
dazu beigetragen, die Ueberzeugung von der autochthonen Entstehung
der orientalischen Teppichornamentik immer mehr zu befestigen. Ist es
doch unter dem Einflüsse jener allmächtigen Theorie, deren Berechtigung
unter Anwendung entsprechender Vorsicht und Vermeidung doctrinärer
Uebertreibungen gar nicht bestritten werden soll, schon dahin gekommen,
dass namhafte Kunstforscher sich förmlich entschuldigen zu müssen
glauben, wenn sie sich herausnehmen, zwei "bloßen Ornamente in historische
Beziehung zu einander zu setzen.
Und doch bedarf es nur eines Blickes auf die Entwickelung der
Künste im Alterthum, um das Irrthtimliche der Annahme eines selbständigen
Ursprunges der Teppich-Rankenornamentik im Orient einzusehen.
Aus dem gesammten so reichhaltigen Gebiete der altorientalischen Ornamentik
vermag man nicht ein Beispiel für die Anwendung der ausgebildeten
Ranke beizubringen. Die Bogen, die die assyrischen und altägyptischen
Lotushlüthen und Palmetten untereinander verbinden, sind keine
freibewegten Ranken, sondern starre, ewig einseitig verlaufende Bänder.
Eher vermochte man in der ägyptischen Spiralornamentik eine Vorahnung