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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 9)

 
geschiedene sich zurücksehnt nach dem Leben, ist es fromme Pflicht, 
seine Existenz förmlich fortzusetzen und zu einer bleibenden zu machen, 
ihm das zu wahren, was er im Leben verlangte, Behausung, die Freuden 
des Mahles und das, was ihm die Krone des Daseins bedeutete, die Ge- 
selligkeit. Man wird sich der Rührung nicht erwehren können, wenn 
man sieht, wie der Todte den Verkehr sucht, die Aufmerksamkeit auf 
sich zu lenken strebt. Behagliche Bänke und Sitze sind an und vor den 
Grabmälern angebracht, den Wanderer einladend, hier eine Weile auszu- 
ruhen, Schatten zu suchen und dem Bilde des Abgeschiedenen einen 
Blick zu schenken. Man stelle sich nun, um so recht das Verhältniss der 
antiken Menschen zu ihren Todten zu verstehen, über die Zerstörung 
und das Schweigen der Gegenwart hinweg, die Gräberstraße in alter 
Zeit vor. Ein Kommen und Gehen an dieser Stelle, welche die Pulsader 
des Verkehres nach außen bedeutet, ein slidländisch gescbäftiges Treiben, 
Lärmen, Feilschen und Streiten; dort aus der Einkehrschänke dringt 
fröhliches Lachen und wir vernehmen die Stimme der Tänzerin, die das 
in Worte zusammenfasst, was die Grabmäler stumm predigen, wenn sie 
zur Castagnettenbegleitung singt: 
Eia, dehne die Glieder zur Rast im Schatten des Weiniaubs, 
Und mit Rosengewind' kränze das trunkene Haupt. 
Willst du den duftenden Kranz für ein fohllos Restchen von Asche 
Sparen und wähnst für das Grab unsere Blumen gepüückt? 
Wein und Würfel daher! Wer gramt sich um Morgen! lm Nacken 
Steht uns der Tod und raunt: Lebt! Ich bleibe nicht aus! 
Den vollsten Gegensatz zu den Anschauungen der Antike kündet 
mit gleicher Ueberzeugungstreue die zweite Stätte, zu der wir uns begeben, 
der Friedhof eines unserer Alpendörfer. Ein gothisches Kirchlein, malerisch 
aufgebaut auf einen vorspringenden tannenbewachsenen Felsen, schaart 
um sich die Gräber, die primitiv gefügte Kreuze "aus Holz oder kunst- 
voll geschmiedete Crucifixe aus Eisen bezeichnen. Eine Mauer umgibt 
den geheiligten Bezirk und trennt ihn von der Außenwelt, damit die 
hier Bestatteten das finden, was der Name des Ortes besagt, Frieden. 
Alles ist hier tiefste Ruhe, und selbst die Natur scheint mit ihrem Athem 
stille zu halten, um die nicht zu stören, die hier schlafen. Denn sie sind 
nicht todt, das verbürgt ihnen das Gotteshaus, in dessen Schutz sie sich 
gestellt haben und die Symbole, die ihre Gräber schmücken; sie ruhen 
nur aus von des Daseins Mühen und Lasten und erwarten den Tag, der 
sie zu einem neuen, schöneren Leben erwecken wird. 
Und nun der Friedhof der modernen Großstädte. Er liegt weit 
abseits von der Geschäftigkeit des Tages und bildet eine stille Stadt für 
sich, die sich mit einer Stelle begnügen muss, wo sie die Rechte der 
Lebenden am wenigsten kreuzt. Unsere Todten sind abgeschlossen von 
dem Verkehre mit den Ueberlebenden, aber, dass für sie auch jene Ueber- 
zeugung, welche der Friedhof des Alpendorfes mit seinen einfachen Kreuzen 
so eindringlich predigt, die gewaltige, aufrichtende Lehre des Christen-
	        

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