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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 10)

zu dem Ernste eines Friedhofes passen will, - dort wieder ist er angebracht,

 um die Trauer, den Schmerz und die Liebe der Ueberlebenden

zu versinnbildlichen. Wohl nur bei Wenigen dürften die Allegorien Gefallen

 finden, welche an dem überhaupt durchaus verunglückten Monumente

 für die im Ringtheaterbrande Umgekommenen als Karyatiden

angebracht sind: weibliche Figuren mit über das Gesicht gezogenen

Schleiern und aufgestützten Fackeln.

Von der Allegorie, welche den Schmerz der Hinterbliebenen versinnbildlicht,

 ist nur ein Schritt zu jener Gruppe von Grabmälern, welche

die Hinterbliebenen selbst in ihrem Scbmerze darstellt. Auf diesem Gebiete

 ist die italienische Grabsculptur seit den Tagen des Empirestiles

führend vorausgegangen und die deutsche scheint ihr immer mehr folgen

zu wollen, so dass schon gegenwärtig unter den Familiengräbern diejenigen,

 welche diesen Inhalt aufweisen, dominiren und die Grundstimmung

 unserer Friedhöfe abzugeben beginnen. Bezeichnender Weise ist es

nie der Mann, sondern nur die Frau, die in ihrem Alfecte vorgeführt

wird. Sie wirft sich in wildem Schmerze über den Sarkophag, umfasst

mit klammernden Händen die Urne, liegt gebrochen zu Füßen des

Kreuzes, kauert in stumpfer Resignation oder stierer Verzweiflung vor

der Grabesthüre. An dem Grabmonumente des Grafen Sullivan, das

Tilgner gefertigt hat - der, nebenbei bemerkt, auf dem Gebiete der

Grabsculptur eine Vielseitigkeit besitzt, wie kaum ein anderer Bildhauer

der Gegenwart - sitzt Wien's größte Schauspielerin vor der Hermenbüste

 ihres Gemahls, mit traurig aufgestütztem Haupte, in einer Hand

Rosen, die zur Schmückung der Büste bestimmt sind. Gerne gesellt sich

zu diesen Darstellungen als wohlthuendes Gegengewicht gegen das Uebermaß

 des Schmerzes eine Allegorie des Trostes, oder aus christlichem

Anschauungskreise ein Engel, der mild und ernst zum l-IimmeLweist

oder das fassungslose Weib mit starken Armen aufrichtet.

Man wird gerne zugestehen, dass unsere deutsche Sculptur auf

diesem Gebiete manches Schöne und in seiner Wirkung Ergreifende

geschaffen hat, da sie bis jetzt Maß und Haltung zu wahren verstand.

Aber andererseits kann man sich doch nicht verhehlen, dass diese Richtung

 manche Gefahren für die neue Blüthe der Grabsculptur, die nach

langer Unfruchtbarkeit wieder anzusetzen beginnt, in sich birgt. Da, wo

es sich im Grunde genommen um die künstlerische Durchführung eines

einzigen Motives handelt, ist Einförmigkeit die unausbleibliche Folge; ist

aber dieses Motiv ein Gemüthsaffect, so verleitet er naturgemäß zur

Steigerung. Damit ist jedoch dem falschen Pathos Thür und Angel

geöffnet, dem falschen Pathos, das unsere nüchterne kritische _Zeit am

wenigsten verträgt und mit dem Fluche der Lächerlichkeit behaftet.

Aber wichtiger als diese Befürchtung, einfach von principieller Bedeutung

ist die Erwägung, dass die Grabsculptur sich von ihrer eigentlichen Aufgabe

entfernt, wenn sie jene Richtung verfolgt, bei welcher sie das Grabmal aus-
            
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