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dass seit dem 9. und 10. Jahrhundert der Gebrauch des Bergens der
Ueberreste der Märtyrer und Heiligen in beweglichen Kästen der allgemeinere
wurde. Umsomehr interessirt das Reliquiar von Oberzell, als es
seiner ganzen stilistischen Haltung nach in eine sehr frühe Zeit -
Marmor, pag. 31, setzt es in das 4. oder 5. Jahrhundert - gehört, in
welcher die Reliquiare noch selten vorkommen. Kraus (Die Kunstdenkmäler
des Großherzogthums Baden, pag. 373) spricht von einer Anlehnung
an die römisch-christlichen Typen des 4. und 5. Jahrhunderts,
welche auch die Wandgemälde in Oberzell zeigen. Indem er dies nkunstgeschichtlich
wichtigste Kleinod der Inseln als ein Erzeugniss der karolingisch-ottonischen
Kunst ansieht, vergleicht er es mit einem Werke
ähnlicher Art, mit dern merkwürdigen Altare des Stiftes Melk aus dem
10. bis 11. Jahrhundert. Karl Lind berichtet über die Tragaltäre des
Stiftes Melk im Jahrg. 1870 (XV.) der i-Mittheil. der Centralcommissionw.
Beide Altäre zeigen an den vier Umfassungsseiten Einlagen von figürlichen
Elfenbeinschnitzereien. Den ersten, jüngeren Tragaltar setzt Lind
in den Anfang des 12. Jahrhunderts, den zweiten, älteren in den Anfang
des 11. Jahrhunderts. Für letzteres Datum bietet eine Inschrift die Grundlage,
nach welcher der Tragaltar wahrscheinlich ein Geschenk der Markgrälin
Schwanhilde, der Gemahlinf Ernst des Tapferen (1o56- 1075)
aus dem Hause Babenberg, an das in der markgräflichen Residenz errichtete
Stift weltlicher Chorherren war. Lind charakterisirt nun die
Elfenbeinschnitzereien folgendermaßen: nWenn wir die Art der Sculptur
noch in's Auge fassen, so müssen wir wohl zugestehen, dass in der Composition
ein klar hervortretender kindlicher Sinn, Gefühl und das Bestreben
liegt, etwas Gutes zu leisten; doch die Ausführung hielt damit
nicht Schritt, dieselbe ist roh, die Gesichtsausdrücke bedeutungslos, der
Faltenwurf der engen Kleider hart und vieles in der Darstellung typisch,
aber schon abgeschwächt-i Mit anderen Worten: diese Sculpturen zeigen
bereits den entschiedenen Niedergang. Man betrachte dagegen das Reliquiar
aus Oberzell. Sowohl die Langseiten wie die Kurz- und Dachseiten
sind durch Bogenstellungen gegliedert, deren Oeffnungen die in Silber
getriebenen Büsten von Heiligen mit der Scheibenglorie, das sogenannte
opus propulsatum oder malleaturn ausfüllen. Eine Anzahl dieser Büsten
fehlen. Eine Charakterisirung der einzelnen Büsten durch Attribute hat
nicht stattgefunden. Dieselben zeigen aber einen so merkwürdigen Individualismus
in der Erscheinung bei einer so strengen Formgebung, dass
ich sie unwillkürlich im Gedächtniss mit den berühmten gemalten Porträts
der Grafschen Funde aus den Felsengräbern von Rubaijät in der Oase
el Faijüm in Oberägypten in ideelle Verbindung brachte. Die Büsten
zeigen einen gewissen Charakter in porträtartiger Charakterisirung, der
sie in scharfen Gegensatz zu den Melker Elfenbeinschnitzereien bringt,
und ihre Entstehung wesentlich früher anzusetzen zwingt. Jedenfalls
gehe ich, was die Datirung anbelangt, mit Kraus bis in's 10. oder 9. Jahr-