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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe V (1890 / 12)

ZOQ

daillons der anderen Seite zeigen Scenen aus der Leidensgeschichte Christi

und zwar zulbeidenfSeiten der Kreuzigungsgruppe links die Kreuztragung,

rechts Christus, nicht, wie Kraus berichtet, mit ausgebreiteten Armen

betend oder segnend auf dem Rande seines Grabes sitzend, sondern dem

Grabe entsteigend. Darüber links die GeiBelung, rechts Christus und die

Magdalena im Garten. Während die Medaillons der vier Evangelisten

und ein Theil der quadratischen Füllungen glatten Grund zeigen, ist der

Grund bei der Darstellung der Auferstehung mit leichtem Rankenwerke

gefüllt, dem sich bei der Kreuzigungsgruppe noch Sonne und Mond,

letzterer in der ganzen Scheibe und im letzten Viertel, zugesellen. Der

Grund der Medaillons der zweiten Seite ist gleichmäßig ornamentirt. Was

nun die Stilistik der Figuren anbelangt, so erinnern dieselben an den

Marcusschrein, und theilen mit demselben den Charakter des Unbeholfenen

 in der Ausbildung des Details, z. B. der Füße des Salvator mundi.

Am besten gelungen sind noch die Darstellungen der vier Evangelisten;

sie zeigen eine ruhige, momumentale Haltung bei schlichtem, den Körperformen

 sich anschließenden Wurf des Gewandes, der jedenfalls noch nicht

die eigenthümliche Knitterung der späteren gothischen Periode zeigt.

Auch die Ausbildung der Stütze des Lesepultes der Evangelisten deutet

noch auf eine gute Zeit hin. Ich kann deshalb Kraus nicht beipflichten,

wenn er das schöne Reliquiar der spätgothischen Zeit zuweist. Jedenfalls

ist es eines der hervorragenderen Stücke in dem ganzen Kloslerschatze.

Derselbe bietet noch eine ganze Reihe anderer interessanter Stücke, auf

die einzugehen ich mir leider hier versagen muss.

Der köstliche Schatz der Insel Reichenau ist für die mittelalterliche

Goldschmiedekuust ein bedeutendes Denkmal. Er zeigt, was die Altmeister

der Goldschmiedekunst, die opifex, magister argentarius, leisten konnten,

er zeigt die nbevorzugte Lieblingstochter der Kirchen schon in der frühesten

 Zeit auf großer Höhe. Er zeigt aber auch in den verschiedenen

Zeiten, denen seine Stücke entstammen, die Wandlung der Formengebung

des Kleingeräths mit dem Uebergange aus dem romanischen in den

gothischen Stil. Während diese in der Architektur bereits im 15. Jahrhunderte

 vor sicb ging, blieb die kunstgewerbliche Production und insbesondere

 die Goldschmiedekunst länger in den alten Bahnen, so dass

die Kunstwerke aus dem Schlusse des 13. und dem Anfange des

14. Jahrhunderts noch durchaus die freie, wenn auch strenge Composition

der byzantinischen Zeit und der folgenden romanischen Epoche in ihren

Hauptzügen tragen. Erst dann trat die gbthische Starre ein, welche sämmtlichen

 Denkmälern der Kleinkunst die architektonische Formengebung

aufzwang, und auch hier ihre eigentliche Formenarrnuth so deutlich zum

Ausdrucke brachte, dass der magister argentarius sich der kommenden

Renaissance und ihrem bezaubernden Formenreichthume berauscht in die

Arme warf.
            
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