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Full text: Monatszeitschrift XVII (1914 / Heft 11 und 12)

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NEUERWERBUNGEN DER TEXTILSAMM- 
LUNG DES K. K. OSTERREICHISCHEN 
MUSEUMS Sie VON MORIZ DREGER-WIEN Sie 
läuiigen Bericht über einige der wichtigeren 
Neuerwerbungen zu geben, die in den letzten 
drei jahren für die Textilsammlung des Museums 
gemacht wurden. Mehrere wertvolle Vermeh- 
rungen, die mit einer Spende zum fünfzig- 
jährigen Bestande des Museums zusammen- 
hängen, müssen hier außer Betracht bleiben, da 
sie im Zusammenhange mit den übrigen Jubi- 
läumsgaben besonders gewürdigt werden sollen; 
gerade diese Gruppe umfaßt aber die (bis in die romanische Zeit zurück- 
reichenden) ältesten Stücke, die unserer Sammlung in den letzten Jahren 
zugekommen sind. Wir können in dem vorliegenden Berichte daher nur 
Arbeiten von der Renaissancezeit an bringen; es befinden sich aber Stücke 
darunter, die an sich sehr reizvoll und künstlerisch anregend sind und zum 
Teile auch wissenschaftlich oder technisch aufklärend wirken. 
Der auf Seite 478 abgebildete Stoff zeigt ein grünes Samtornament von 
gleichgefärbten genoppten Rändern umgeben; ein Teil der Blüten und granat- 
apfelähnlichen Formen besteht aus orangefarbenem Flor; der glatte, weiße 
Grund wird auf der Vorderseite hauptsächlich durch die Kette gebildet. Man 
darf das Stück wohl ohne Bedenken als venezianisch bezeichnen und noch 
dem XV. Jahrhunderte zuschreiben. Ähnliche aufgelöste Musterungen 
finden wir zum Beispiele in den Darstellungen aus der Ursulalegende des 
Vittore Carpaccio in der Akademie zu Venedig („Abschied des englischen 
Prinzen und Begegnung mit der heiligen Ursula"). 
Bemerkenswert sind bei unserem Stoffe unter anderem die blattartigen 
Mittelstücke mit dem ausgesparten Innenraume, ein Motiv, das sich besonders 
in den Streumustern von der Mitte des XVI. bis zur Mitte des XVII. Jahr- 
hunderts ausgebildet iindet, hier aber gewissermaßen in einer Vorstufe zu 
erkennen ist. Auch die iiammenartig bewegten Ausläufer einiger Blüten 
mögen nicht übersehen werden; es sind wohl noch Nachklänge älterer ost- 
asiatischer Einflüsse, wie sie für die Stoffe der gotischen Periode ja unleug- 
bar sind. Im ganzen ist diese zierliche und freie Umformung des Granat- 
apfelmotives auf unserem Stücke unter den erhaltenen älteren Stoffen eine 
Seltenheit, paßt jedoch vollständig in den Geist der Zeit gegen 1500 und, 
wie gesagt, zu den uns überlieferten bildlichen Darstellungen. 
Ein jüngeres Werk italienischer Renaissanceweberei ist auf Seite 47g 
abgebildet. Hier ist eine Musterungsart zur Geltung gelangt, die gegen Mitte 
des XVLJahrhunderts immer mehr hervortritt: die (sonst meist versetzte} 
 
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