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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIV (1879 / 160)

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assimiliren, die nach Tirol eingewandert sind oder dorthin berufen wur- 
den, wenn auch in der Absicht, den Wohlstand des Landes zu heben. 
Allerdings weist die Geschichte, insbesondere die Kunstgeschichte, darauf 
hin, dass dieser Standpunkt zur Zeit der Blüthe der Kunst in Tirol nicht 
rnassgebend war. Auch im Mittelalter liess man sich nicht von localen 
Gesichtspunkten leiten, welche erst später, in der Verfallszeit der Kunst, 
zur Zeit des Zunftwesens in das Fleisch und Blut der Bevölkerung über- 
gegangen sind. Die deutschen Bauhütten speciell waren auf den geistigen 
Verkehr mit der gesammten katholischen Bauwelt angewiesen und haben 
der freien Wanderung der Steinmetzen und aller jener Künstler, die zur 
Bauhütte gehörten, keine Schwierigkeiten bereitet, sondern diese eher 
gefördert. Nie würde die Architektur des Mittelalters zu solcher Blüthe 
gelangt sein, wenn in Tirol nur der Tiroler, in Prag der Böhme und 
in Wien nur der Niederösrerreicher zum Baue von Münstern und Klö- 
stern berufen worden wäre. Was Tirol selbst an Kunstwerken besitzt, ist 
eben so sehr den einheimischen Kräften als den Nachbarländern zuzu- 
schreiben, insbesondere die Künstler Oberitaliens haben bis zum Aus- 
gange des verflossenen Jahrhunderts einen grossen Einfluss auf die tiro- 
4 lische Production geübt, wie es die hervorragendsten Bauwerke in Tirol 
zeigen. So oft in Tirol ein grösseres geistiges Leben blühte, stand Tirol 
in Mitten der Strömungen der ganzen Kunst und Wissenschaft. Die Ab- 
geschlossenheit von den Nachbarländern war die Zeit der Versumpfung 
-- der regere Wechselverkehr erzeugte die Blüthe der Kunst und Wissen- 
schaft. Um den geistvollen Sohn Ferdinand I., den Schöpfer Ambras', Erz- 
herzog Ferdinand (1529-1595), gruppirten sich Einheimische und Fremde 
in lebendigem Wechselverkehr. Der Archivar und Geschichtsforscher des 
mittelalterlichen Tirol und der Kriegsgeheimschreiber Jos. Putsch war ein 
Badenser, Gerard van R00, Leiter der Hof-Singschule und Geschichtsschrei- 
ber, war wie der Miniaturmaler Hufnagel, der Bildhauer Alex. Colin, der 
gelehrte Orientalist A. Gislain Busbek, Niederländer, die Bildhauer Abel aus 
Cöln, der Bildhauer Lud. della Duca und der Architekt der Hofkirche 
Max della Bocca waren Italiener. Mit ihnen wirkten einheimische Dichter 
und Bildhauer, Rechtsgelehrte und Erzgiesser. Bei der Ausschmückung 
des Schlosses Velthurns wirkten einheimische und deutsche Kräfte zusam- 
men. Sie waren sich ebenbürtig und standen auf einer gleich hohen Stufe 
kunstgewerblicher Leistungsfähigkeit. Der deutsche Minnegesang hat in 
Tirol seine Heimat, und die Fresken von Runkelstein, welche die Gesänge 
von Tristan und lsolde verherrlichen, bezeugen den geistigen Wechselver- 
kehr Tirols mit dem deutschen Reiche. Auch die Blüthe der heutigen 
Innsbrucker Universität ist dem geistigen Wechselverkehr der Gelehrten 
zu verdanken, welche aus Tirol, aus österreichischen und deutschen Län- 
dern zur Belebung der Wissenschaft berufen wurden, wo der Böhme Al- 
bert, der Wiener Rokitansky, der Ungar Stumpf, die Deutschen Klein- 
wächter, Ficker, Busson, Jülg neben hervorragenden Landcskindern lehren,
	        
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