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Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XV (1880 / 173)

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Vorlesungen lm Museum.

Am 27. November hielt Prof. Dr. Karl v. Lützow einen Vortrag über die Jugendbilder

 Tizians im k. k. Belvedere und demonstrirte an denselben den Stufengang in der

Entwicklung des Meisters Die Zingarella (Zigeunertnadonna) ward durch eine Copie des

Malers Simmaier, die Kirschenmadonna durch einen Farbendruck und die Madonna mit

den Heiligen Stcfanus, Hieronymus und Georg durch eine Radirung W. Ungefs den

Zuhörern in Erinnerung gebracht. Der Redner wies in formell eleganter und sehr sachlicher

 Weise nach, wie Tizian bei dem ersten Bilde noch völlig innerhalb, der feierlich

gebundenen Vortragsweise seines Lehrers Bellini befangen an der Anordnung des traditionellen

 Andachtsbildes festhält, um sodann durch das Stadium, welches die Kirschenmadonna

 reprasentirt, zur-uzweiten Form des Gottlichenu, der auf sich beruhenden Schonheit,

 fortzuschreiten. Für Kunstfreunde und Kpnstler gleich interessant war die Auseinandersetzung

 der von so glänzendem Erfolge gelohnten gewissenhaften Restaurirung der

Kirschenmadonna durch Erasmus v, Engert, und der Anblick jener Copie, Welche Engert

bei dieser Gelegenheit von der Rückseite der Bildfläche genommen hatte. Selbe zeigt

deutlich, wie sich bei Tizian während der Arbeit an dem Bilde ein entscheidender Fortschritt

 geltend" macht. Der Meister sprengt hier während des Schaffens die Fesseln der

schematischen pyramidalen Composition, und im dritten Bilde hat der Cultus des Schonen„

b- der Würde und Anmuthl völlig den Sieg über die rituelle Gebundenheit des Andachtebildes

 errungen, ohne deshalb der religiösen Empfindung Abbruch zu thun.

Das überaus zahlreich erschienene Publicum spendete der meisterhaften Leistung

Prof. Lutzow's schließlich reichlicbsten Beifall.

Am 4. December sprach Dr. Aug. Fournier über Turgot. Der Vortrag lieferte

einen neuen Beweis dessen, dass die enorme ökonomische Kraft des frauzosischen Volkes

nicht allein aus dessen allerdings überaus günstigen natürlichen Verhältnissen zu erklären

ist, sondern ebensowohl aus dessen jahrhundertelangem Bemühen, die Arbeit des Volkes

berufsmäßig zu schulen und zu bilden. Die Eroberungen der französischen Armeen Ludwig

 XlV. fanden bald ihr Ende, die parallel gehende Handels-. Kunst- und Gewerbepolitik

Frankreichs eroberte sich den Markt einer Welt und wusste denselben dauernd zu behaupten.

 Seit ienen Tagen hat sich mit der' Freigebung der Gewerbe eine durchgreifende

Vllanydiung der Grundsätze organisatorischer Einflussnahme des Staates vollzogen. Die Initiativc

 zu dieser erst von der Revolution durchgeführten That ergriff Turgot, der Minister

Ludwig XVL- An die Biographie und Charakteristik dieses bedeutenden Mannes und die

wissenschaftliche Darlegung seiner wirthschaftlichen Theorien schloss der Redner die Schilderung

 deHFinanzlage in Frankreich vor und nach der großen Krise Laws, die Theorien

der Oekqnomisten und Physikraten, und die einleitenden Steuer- und Verwaltungsreformen

 Turgots, bis zur Aufhebung der Zunfte 1776. Dr, Fournier wusste selbstverständlich

 als Historiker der Bedeutung der Corporationen im Mittelalter bis in die neuere

Zeit gerecht zu werden, schilderte in Schlagworten Colberts anerkanntes Verdienst um

Hebung der Gewerbe, gleichzeitig legte er aber durch .die Zeichnung der allmalig erwachsenen

 Mißstände im Zunftwesen Turgots radicale Reform als nothwendig, heilsam

und imltlalltrrechte begründet dar. Aber Turgot scheiterte zn der staatsrechtlichen Opposition

 des Parlamentes und an Hofcabalen, und erst die Revolution vollführte, was der

Reformator nicht hatte durchsetzen können. Ein kurzer Hinblick auf den Verfall der Gewerbe

 lill Folge der Aufhebung der Zünfte, und der Hinweis, wie durch die neue Gestaltung

dem Staate eben neue Aufgaben erwachsen, das Gewerbe zu schulen und zu bilden, schloss

dieser ausgezeichnet disponirte, trefflich gesprochene und von den Zuhörern mit lebhaftestem

 Beifalle aufgenommene Vortrag.

Am n. December sprach Herr Regierungsrath Exner nUeber die österreichische

Spielwaarenindustriew.

Redner entwickelt die Gesichtspunkte, von denen aus die SpielwaareuHausindustrie

erörtert werden-kann und begrenzt den von ihm gewählten Stoff dahin, dass er die in

den verschiedenen Kronländern Oesterreichs bestehenden Hausindustrie-Emporien der

Spielwaarenerzeugung vom technischen Standpunkte aus zu erörtern beabsichtigt. Hierauf

wurden die eigenartigen Verhältnisse der hausindustriellen Production, deren Rohstoff

Holz ist, umständlich besprochen. Dann folgte eine Erörterung der Spielwaarenproduction

des Erzgebirges, der Umgebung von Grulich, des nordostlichen Mährens, Galiziens, der

Fichten und des Grödner Thales.

An einer großen Zahl von Obiecten wurde das Verfahren in technischer Beziehung

erörtert und durch Angabe des Preises und der Absatzgebiete der für die Arbeiter und

Unternehmer resultireude Gewinn festgestellt. Den Schluss des Vortrages bildete die Besprechung

 jener Maßregeln, welche zur Hebung des in Rede stehenden Industriezweiges

ergriffen werden könnten und sollten.

Der Vortrag erfreute sich bei dem zahlreichen Publicum der lebhzftesten Theilnahme.
            
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