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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XV (1880 / 181)

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geschichtscurs ist keine Kunstlehre; auch dann nicht, wenn er 
_mit ästhetischen Deductionen begleitet wird. Einen kunstgeschichtlichen 
Uebersichtscurs dürfte wohl mancher in kunsthistorischen Seminaren gebil- 
deter Geschichtslehrer abzuhalten im Stande sein, vielleicht auch ein oder 
der andere historisch geschulte Zeichenlehrer. Aber um einen kunst- 
geschichtlichen Lehrcurs handelt es sich nicht, sondern um eine Kunstlehre. 
Was ist aber unter Kunstlehre zu verstehen? i 
Es kann gar keinem Zweifel unterworfen sein, dass die moderne 
Wissenschaft dahin strebt, die theoretischen Zweige der Kunstwissenschaft 
in einem Gesammtwerke zu vereinigen, wie die Zeit des Lionardo der 
ldee einer arte universale zustrebte. Würden alle die vielen einzelnen 
Tractate Lionardzfs erhalten sein, welche er ausgearbeitet hat, und die 
nur bruchstückweise auf uns gekommen und theilweise im Trattato della 
pittura (Ed. Manzi) aufgenommen worden sind, so würden wir vielleicht 
eine für Malerei vollständig ausreichende Kunstlehre der italienischen Re- 
naissance besitzen. Dies ist aber leider nicht der Fall. Dasjenige Buch, 
welches noch am meisten eine Kunstlehre genannt werden könnte, ist 
Gottfried Semper's Styllehre. Aber dieses, für die Theorie der tek- 
tonischen Künste bahnbrechende Werk, ist ein Torso und leidet außerdem 
an principiellen Mängeln, die daraus entspringen, dass Gottfr. Semper in 
erster Linie Architekt war, und ihn Malerei und Sculptur nicht so inner- 
lich interessirten, als die tektonischen Künste. 
Aber es würde gewiss dem Bedürfnisse des Zeichenlehrstandes ent- 
sprechen, wenn eine fachkundige Hand es unternehmen würde, die Styl- 
lehre Semp er's, so wie sie vorliegt, für die genannten Schulbedürfnisse 
zu bearbeiten. E. Brückes vPhysiologie der Farbenw und Bruchstücke 
aus der vTheorie der bildenden Künsten sowie Be'zold's nFarbenlehreu 
sind große Vorarbeiten für eine Theorie der Kunst oder Kunstlehre. 
Wenn ich nun überlege, dass vollständig genügende Vorarbeiten über 
Chemie, Anatomie und Perspective mit Rücksicht auf die bildende Kunst 
noch nicht existiren, die Kunstgeschichte als historische Wissenschaft sich 
noch im Entwicklungsstadium behndet, und dass die modernen Philo- 
sophen, nimmt man Männer wie Hegel "Vorträge über Aesthetikn und 
J. Kant in seiner nKritik der Urtheilskraftu aus, nur wenig positive 
Resultate geliefert haben, welche man in eine Kunstlehre für Schulen auf- 
nehmen köitnte, so sieht man, wie vorsichtig man sein muss, von der 
Kunstlehre als einer fertigen, schon vorhandenen Wissenschaft zu sprechen. 
Die Kunstlehre ist noch im embryonischen Stadium; sie ist ein 
Postulat der gesammten YVelt, welche sich mit Kunst beschäftigt, dessen 
Durchführung der Zukunft anheim gestellt werden muss. Aber eine 
Kunstlehre oder Theorie der Kunst, als fertige Wissenschaft, existirt 
nicht. Sie wird angestrebt -- aber es liegt uns kein Werk vor, von 
dem wir sagen könnten: das ist eine Kunstlehre, wie sie Lehrer und 
Lernende in Mittelschulen brauchen, an dieses Buch kann man sich
	        

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