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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XVI (1881 / 190)

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An die Damen Oeaterreiohsl 
_ Ohne Zweifel ist Ihnen allen, geehrte Damen, wohlbekannt, in welchem Zustande 
sich gegenwärtig unsere Spitzenfabrication beündet. Der zarte Schmuck der Spitze hat 
heute wieder zu viel Interesse erweckt, zu viel Bedeutung in der Mode erhalten, uni 
nicht den Blick derer, die sich mit ihr schmücken, auf diejenigen zu lenken, aus deren 
Hände Fleiß sie entsteht. 
Und welch' ein Zustand enthüllt sich unserem Blick in den Bezirken der Spitzen- 
industrie! lm Erzgebirge sind es Tausende von Handen, welche sie beschäftigt. Sie be- 
schäftigt dieselben, aber sie verschafft ihnen kein menschenwürdiges Dasein. Noth, Elend. 
Sorge sind überall dort zu Hause. wo das Feinste, das Zarteste, das Weiblichste von 
allem geschaffen wird, was die Kunstindustrie hervorbringt. 
Und die Noth drückt nicht bloß den Lebensstand der Arbeiterin herab, sondern 
auch die Arbeit selber. Die Hände der darhenden Arbeiterinnen sind ungenügend zum 
feinsten und vollkommensten Werke, und wo nicht die beste Arbeit verlangt und geleistet 
wird, da versiegt auch die künstlerische Kraft. So ist es dort. Es fehlt Erfindung, Phan- 
tasie, Originalität. Die Arbeit ist Nachahmung geworden, herabgedrückt von der Höhe 
der Kunst zur gewöhnlichen Waare. Und ist es so weit gekommen, so wenden sich ln- 
teresse, Nachfrage, Geschäft davon ab. - 
Nicht so aber die menschliche Theilnahme, und vor Allem nicht das patriotische 
Gefühl, das sich bei solchem Zustand der Dinge nicht beruhigt, sondern sinnt, denkt und 
strebt, wie dem reizenden Zweige der Kunstarbeit aufzuhelfen. wie die Noth in Segen, 
das Siechthum in erneuerte Blüthe zu verwandeln wäre. 
Gewiss ein edles Ziel! Und die Wege zu solchem Ziele liegen nicht verborgen. 
Sie heißen Unterricht und Bestellung, Lehre und Arbeit. Das Eine nicht ohne 
das Andere. 
Für das Eine nun ist gesorgt. Auf den Vorschlag einsichtsvoller und warmherziger 
Männer hat die Regierung selbst zu Wien, am Sitze der großen Industrie, im Mittelpunkt 
des großen Weltlebens eine Schule für die Spitzenindustrie gegründet, eine Schule in 
engster Beziehung mit dem Oesterr. Museum, unter der Leitung des berufensten Mannes, 
des Regierungsrathes Storck. Die Schule verfolgt in zweifachem Curse ein doppeltes Ziel. 
Der eine Curs soll die arbeitende Hand bilden. Die vorzüglichsten Arbeiterinnen jener 
Spitzenbezirke werden herbeigezogen, unterrichtet in alter und neuer Technik und als 
Lehrerinnen in die Heimat zurückgesendet, um anzuwenden und auszubreiten, was sie 
gelernt haben. Aber sie bedürfen auch der neuen Muster, der künstlerischen Vorlagen. 
So bildet der zweite Curs geschulte Spitzenzeichner, und schaGt mit ihrer Hilfe einen 
stets frisch sich erneuernden Vorrath neuer und origineller Muster. Diese stehen allen 
Spitzenindustriellen unentgeltlich zur Verfügung, und die ausgebildete Schülerin nimmt 
sie mit in ihre Heimat. Diese Schule nun ist in voller Thatigkeit, und die eine Seite der 
Aufgabe ist erfüllt. An der Leistungsfähigkeit ist nach den Proben nicht zu zweifeln, 
und somit ist nach dieser Seite hin die Möglichkeit einer erneuerten Blüthe unserer 
Spitzenfabrication gegeben. 
Aber auch nur nach dieser Seite. Was die Schule lehrt, muss in das Leben über- 
gehen; wo Vollkommenes geleistet werden kann, da muss es auch verlangt werden, sonst 
ist alle Lehre, aller Fleiß, alle Mühe umsonst. Und hier nun ist es an uns, an den Damen 
Oesterreichs, mit unserer Mitwirkung, mit unserer werkthatigen Hilfe einzutreten in das 
patriotische Bestreben. Wir müssen uns vereinen und verpHichten dasjenige was aus 
dieser Schule hervorgeht, zu bestellen, aber auch zu gebrauchen und zii tragen. 
Wir müssen - und das ist durch persönliche Vermittlung des Leiters der Schule, unter 
seinem Beirathe und seiner Hilfe eine leichte Sache - wir müssen die Schule und die- 
jenigen Kräfte, die aus ihr fertig hervorgegangen sind, in Arbeit setzen. Wir werden so 
aus dem, was sie Neues bringt und lehrt, eine neue Mode schaffen, die ihren Ursprung 
und festgegründetemßoden in Oesterreich hat. _ Gehen wir mit dem Gebrauche voran, 
wie die Schule mit ihrer Lehre vorangegangen ist, so wird die Welt uns folgen. 
Und diese Hoffnung, diese Zuversicht ist wohl begründet. Die Verfahrungsweisen 
welche die Schule lehrt, sind neu und sie sind noch nicht Mode; man übt sie weder in 
Belgien noch in Frankreich. Aber es sind die alten guten Weisen des sechzehnten und 
siebzehnten Jahrhunderts, welche von jedem echten Kunstgeschmack als nachahmens- 
würdig, als der Wiederbelebung fähig anerkannt sind. Und sie stimmen ja vollkommen 
zu dem Zuge der gegenwärtigen Moden und Trachten. Wir tragen die Farben und Far- 
bentone von jener Zeit, die StoGe von damals, wir tragen so viel in Schnitt und Art und 
Form, das dem Cosiüm jener Kunstepoche nachgebildet ist - und sollten tvir nicht recht 
thun, nunmehr auch die Spitzenarten jener Zeit dem Uebrigen hinzuzufügen? Thun wir 
es nicht, so werden es in Kurzem Andere thun, und wir unsererseits stehen zurück und 
sind die Nachahmer und holen uns das Gute von auswaris.
	        

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