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molithographie, dieser Chromolithographie, wie sie iene vier Anstalten
vertreten, dankbar sein. Wir müssen ihrer Entwicklung um so mehr
dankbar sein, als die Decoration unserer bürgerlichen Wohnungen eine
Richtung annimmt, in welcher sie Kupferstiche und ihresgleichen nicht
brauchen kann. Die breiten weissen Ränder derselben machen Löcher in
die dunklere coloristische Harmonie.
Soll hier (wir sagen nur hier, nicht überall, nicht im Allgemeinen) die
Chromolithographie als ein passender Ersatz und entsprechender Schmuck
eintreten, so muss sie allerdings nicht blos in coloristischer Hinsicht,
nicht blos mit der Kraft und Tiefe ihrer Farben genügen, sondern auch
mit ihren Gegenständen. Und in dieser Beziehung lässt sie wohl viel zu
wünschen übrig. Es ist nicht unseres Amtes, in der Kunst zu moralisiren
oder uns zu scandalisiren, aber es ist doch nicht in Abrede zu stellen,
dass die Chromolithographie in der Wahl der Gegenstände grossentheils
einem allzu populären Geschmacke huldigt und selbst auf denselben spe-
culirt. Wenn der Farbendruck mehr auf die alten Bilder zurückgreifen
möchte - ich sage nicht auf religiöse Bilder, wie die vortreffliche Wie-
dergabe der Tizian'schen KirschenaMadonna von ReiEenstein ein Beispiel
ist, sondern auf mehr decorative Gegenstände, auf Thierstücke von Fyt,
Jan Weenix, auf Blumenstücke von Van Huysum, Rachel Ruysch, auf
Stillleben von Heem und Anderen - so stände ihm noch ein weites und
dankbares Feld oiien, das eine vortreßliche Quelle zur Zimmerdocoration
bildete. Ohne Zweifel wird die Zeit kommen, wo derselbe auch diesen
Weg beschreitet. Nehmen wir einstweilen das Gebotene als einen grossen
Fortschritt im Vergleich mit der Vergangenheit an.
So sehen wir, wenn wir die verschiedenen Gebiete überfliegen, die
wir besprochen haben, trotz der schweren Zeiten, trotz unserer zufälligen
und naturgemäss lückenhaften Ausstellung doch überall das Gute sich
regen und Neueres und Besseres hervortreten. Der ausgestreute Same
V geht auf. Das Alte wird vervollkommnet, neue Bahnen werden betreten,
Kunst und Technik werden erweitert. Was noch nachhinkt, was noch
unter dem alten Geiste steht, wird gerade durch den Vergleich auf dieser
Ausstellung, durch das Fiasco, das es hier macht, zur Einsicht kommen
und auf den besseren Weg einlenken. Auch solche Erfahrung ist gut. Die-
jenigen Wahrheiten sind uns die werthvollsten, zu denen wir durch
Irrthümer gelangen.
Vnrluunqen In lluseum.
Am 28. Januar hielt Herr Regierungsrath Prof. Exner einen Vortrag nnber die
vergleichende mechanische Technologie und das Kunstgewerbew. Er lenkte die Aufmerk-
samkeit seiner Horer vor Allem auf das Verhälmiss der bisher allein üblichen beschrei-
benden zur vergleichenden Technologie. Erstere hält sich streng an die Gewerbebegriife,
das heissl, sie verfoägt in den einzelnen Gewerben sämmtliche Vorgänge von der Auf-
ündung des Rohslo es bis zur vollendeten Herstellung des industriellen Erzeugnisses.
Diese blos beschreibende Art hatte ihrerzeil volle Berechtigung, aber sie hat ihren Weg
nunmehr auch bereits vullführt. Mit ihrer genauen Schilderung aller Handgrife bei einem