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Wiener historische Kunstaussteliung i876.
Die Wiener Akademie der bildenden Künste wird, wie bereits gemeldet
worden, den festlichen Tag ihrer Uebersiedelung in das neue, durch
kaiserliche Huld ihr angewiesene Gebäude durch eine sämmtliche Fächer
der bildenden und zeichnenden Künste umfassende historische Kunstausstellung
begehen, welche vom 15. October bis 3x. Decemher r876
dauern und ein Gesammtbild von dem künstlerischen Wirken der Anstalt,
von der Zeit ihrer Gründung unter Kaiser Leopold I. bis auf die Gegenwart,
darbieten soll. Die Ausstellungscommission erlässt mit Beziehung
hierauf nachstehenden
Aufruf zur Beschickung.
Wie alle Stätten höherer Bildung, so hat auch unsere Akademie
nicht etwa in weltabgeschlossener Isolirung, sondern im steten innigen Zusamrnenhange
mit dem Cultur- und Geistesleben Oesterreichs von Anbeginn
gestanden und sich fortentwickelt. Die Epochen der modernen Kunst
in Oesterreich sind auch ihre Epochen; sei es nun, dass die tonangebenden
Meister, die als Leiter oder Lehrer an ihrer Spitze standen, der Kunst
für eine längere Zeit ihre Bahn anvviesen, sei es, dass neue Strömungen
von aussen her in die akademischen Kreise eindrangen, das Ueberkommene
befruchtend oder umgestaltend: immer war es ein wechselseitiges Geben
und Empfangen, das beiden Theilen Leben und Fortschritt verbürgte.
Die historische Ausstellung der Wiener Akademie darf daher für
sich eine Bedeutung in Anspruch nehmen, welche über das Gebiet der
Wirksamkeit dieser Anstalt als Hochschule der Kunst hinausreicht. Indem
sie die Werke ihrer früheren und gegenwärtigen Mitglieder, ihrer Lehrer
und Schüler, in sich vereinigt, wird sie zu einer Gesammtrepräsentation
der österreichischen Kunst unseres und des vorigen Jahrhunderts, welche
keine bedeutsame Richtung und Entwicklungsstufe unvertreten lassen wird.
Zum ersten Male werden wir aus dieser Ausstellung einen geschichtlichen
Ueberblick über die in Wien concentrirten Kunstbestrebungen Oesterreichs
gewinnen und uns jener klärenden und erhebenden Wirkung erfreuen
können, welche als der Segen solcher historischer Ausstellungen
allbekannt und namentlich den Besuchern der ersten derartigen deutschen
Gesammtausstellung in München vom Jahre 1858 in unauslöschlicher Erinnerung
ist. Wenn der von uns unternommenen Ausstellung auch die
reiche Mannigfaltigkeit der Schulen und Richtungen, welche das deutsche
Kunstleben der Gegenwart kennzeichnet, ihrer Natur nach abgehen wird,
so hat_sie dafür die zeitlich bedeutend weiter gesteckten Grenzen voraus.
Und gerade dieser Punkt ist es, welcher unserer Ausstellung ein völlig
neues und eigenthümliches Interesse verleihen wird, Während man bei
den historischen Ausstellungen moderner Kunst bisher nur bis zu den Begründern
derselben, zu Carstens und seinen Zeitgenossen, zurückgegriffen
hat, wollen wir deren Vorgänger, die Meister der Barock- und Rococo-