stand. Ohne Frage ist das auch nicht blos eine Bewegung, sondern selbst
ein Fortschritt. Es ist ein Fundament gegeben und der feste Punkt gewonnen.
Aber die Spitzenarten, welche sich die Dilettantenhand als Vorbild
erwählt, und ebenso diejenigen, welche sie schafft, leiden alle an dem
alten Fehler, an der Schlechtigkeit der Zeichnung, vielleicht mit Ausnahme
derjenigen, welche man Filetguipures nennt. Diese haben wenigstens
Ordnung. Die anderen gleichen mehr Bandwurmverschlingungen als Linien,
die mit Verstand und Absicht von sicherer Hand gezogen sind.
Von solchen Damenarbeiten ist die Weihnachts-Ausstellung verhältnissrnässig
reich beschickt; sie sind auch nicht einförmig in ihrer Art und
es ist ohne Zweifel Manches darunter, das die schwesterliche Bewunderung
verdient, wenn es uns auch - wir gestehen es - schwer wird, das punctum
saliens dafür zu finden. Wir unserseits möchten dem durchbrochen gearbeiteten
Kissen von Fräulein Uhl den Preis geben und sodann dem Guipurekissen
von Fräulein Litsken.
Auch die Industrie {Louis Modern, Louise Barth) hat eine reiche
Auswahl von Weiss- und Spitzenstickerei ausgestellt; da die Gegenstände
aber zu sehr der Mode angehören, so ist die Kritik nicht frei und wir
enthalten uns daher der Beurtheilung. Weniger ist dies der Fall bei
den schwarzen Besatzspitzen Uffenhcirners in Innsbruck. Diese Spitzen
könnten weit schöner sein in der Zeichnung und die Mode erlaubt es.
Wenn der Fabrikant die Motive der altenßpitzenbücher im österr. Museum
copirte, so würde er nichts finden können, was schöner und zugleich
moderner wäre. Eines aber, das ebenfalls aus Industriekreisen kommt,
wollen wir der Beachtung des lernbegierigen Publicums ausdrücklich empfehlen.
Herr Stramitzer hat sich der dankenswerthen Mühe unterzogen,
von allen Arten Spitzen, die im österreichischen Erzgebirge fabricirt
werden, eine Collection angefangener Arbeiten zusammenzustellen, auf
die Kissen aufgespannt mitsammt den Klöppeln oder sonstigem Zubehör,
so dass man sich leicht über die Art der Entstehung unterrichten kann.
Da zur vollen Kunde und gründlichen Beurtheilung eines Kunstgegenstandes
auch dieKenntniss von der Art seiner Entstehung gehört, so bietet
sich hier eine vortreffliche Gelegenheit, über einen ganzen Kreis von
Spitzenarbeiten, von deren technischer Entstehung der Laie sich so schwer
einen Begriff macht, gründlichst sich zu unterrichten. Wer eine Arbeit
von diesem Gesichtspunkte aus kennt, dem ist ihre Beurtheilung unendlich
erleichtert. Die künstlerische Handspitze gewinnt glücklicher Weise wieder
erneutes Interesse, so sehr, dass das Oesterr. Museum sich selbst mit der
Idee einer Special-Ausstellung alter Spitzen trägt, die es noch im Laufe
des kommenden Frühlings auszuführen gedenkt. Die Collection des Herrn
Stramitzer ist daher doppelt willkommen. I
Wie immer, so tritt auch auf dieser Ausstellung bei den Damenarbeiten
die Farbe vor den Weissstickereien zurück. Nicht, dass sie nicht
in gleichem Masse gepflegt und verehrt würde, aber sie erweist sich in,