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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1876 / 130)

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hundert, die Wiederaufnahme der alten historischen Traditionen im Welt- 
verkehre in Kunst und Industrie ist die nothwendige Folge der Ereignisse 
der Gegenwart. Das deutsche Volk ist berechtigt zur Einnahme dieser 
Position; es steht: nicht nur in Wissenschaft und Kunst auf dem Höhe- 
punkte des heutigen Lebens, es hat sich auch neben dem englischen Volke 
am meisten die Grundlagen des geordneten bürgerlichen Lebens gewahrt, 
die da sind: ein ehrbares Familienleben, eine gute tüchtige Schule und 
eine lgeläuterte sittliche Weltanschauung. - - 
Die Völker und Regierungen werden sich angewöhnen müssen - 
und das ist kein Unglück - die deutsche Nation als ein politisches Ganze 
zu betrachten, wie sie es der italienischen, der russischen und franzö- 
sischen gegenüber zu thun längst gewohnt sind. Auch die Franzosen 
werden sich vor dieser Thatsache beugenm Es ist damals ausgesprochen 
worden, dass die nächste Mission der Franzosen eine friedliche, auf die 
innere Regeneration gerichtet sein dürfte, und dass ihre Bestrebungen 
dahin gehen werden, einen Ehrenplatz in der Weltindustrie einzuneh- 
men. Und wie schnell haben die Franzosen diese Mission begriden, 
mit welcher Energie traten sie auf dem Gebiete der Kunst und Kunst- 
industrie auf! Schneller als irgend Jemand dachte, treten sie jetzt mit 
dem Projecte einer Weltausstellung im Jahre 1878 auf. Sie sind vollständig 
gerüstet, um den friedlichenWeltkampf derWeltausstellungen aufzunehmen. 
Auch das Wechselverhältniss des reconstituirten Deutschlands zu 
Oesterreich fiösste uns damals keine Besorgnisse ein; und heutigen Tages 
weniger als je. Die Ereignisse sprechen eine Sprache, die zu deutlich ist, 
als dass sie auch jene deutschen Chauvinisten überhören können, welche 
glauben, Oesterreich bei Seite geschoben zu haben. wJe treuer Oester- 
reich im Innern seinem historischen Berufe nachkömmt, desto besser für 
die Deutschen in Oesterreich und den Bürgerstand in Oesterreich. Der 
deutsche Bürger in Oesterreich hat von dem Zerfalle Oesterreichs nichts 
zu erwarten, wohl aber Alles zu hoffen von dem Festhalten der öster- 
reichischen Staatsidee und dem Culturberuf der Deutschen in den öster- 
reichischen Ländern. Als Glied eines Stammes von mehr als 45 Millionen 
Menschen, deren Sprache und Literatur, Kunst und Industrie über den 
ganzen Erdball verbreitet ist, geniesst er alle Vortheile der geistigen Ver- 
bindung mit dem deutschen Nachbarstaate, und kann auch grosse Vor- 
theile im Verkehrsleben geniessen, wie er dieser in der Literatur, auf der 
Bühne, auf dem Gebiet der bildenden Kunst und Musik bereits theilhaftig 
geworden ist." 
Oesterreich und Deutschland bilden in mehr als Einer Beziehung 
volkswirthschaftlich betrachtet ein ziemlich gleichartiges Ganze. Speciell 
in München ist der Oesterreicher kein Fremder. Oesterreich und Bayern 
verbindet ein Strom; derselbe Volksstamm wohnte an der Isar und an 
der Enns; die dynastischen Verbindungen knüpfen Bayern und Oesterreich 
auf das engste miteinander. Nichts bezeugt deutlicher, wie lebhaft die
	        

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