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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIV (1879 / 170)

erscheinen die medicinischen Schulen für Frauen, deren erste im Jahre 
r85o als New England Female Medical Collage gegründet wurde. 
ln den nächsten zwei Jahrzehnten entstanden fünf weitere medi- 
cinische Facbschulen für Frauen, und wurde diesen letzteren der Zutritt 
zu fünf Hochschulen gestattet, wo sie gleich den männlichen Hörern ihren 
Studien obliegen konnten. Seitdem haben die weiblichen Aerzte in Amerika 
sich nicht übel bewährt und vielfach das Vertrauen der Bevölkerung ge- 
wonnen. Schülerinnen des New England Female Medical College haben 
in Chicago, in Detroit Hospitäler für Frauen und Kinder errichtet und 
sich die Stellen von Assistenten an Staatsanstalten erworben, so an dem 
State Lunatic Asylum zu Worcester und an dem State Alms-House zu 
Pewksburg. Schülerinnen eben jener Fachschule sind Professoren der 
Anatomie, der Physiologie, der Gesundheitslehre im Mount Holyoke Se- 
minar und im Vassar College, während eine grosse Zahl von ihnen als 
praktische Aerzte in Boston und in anderen Städten wirken. Als ganz 
ausserordentliche Gehilfinnen erscheinen diese medicinisch gebildeten Frauen 
den Missionsgesellschaften bei ihrem mühseligen Berufe. Die weiblichen 
Aerzte, welche sich diesen Gesellschaften anschliessen, gewinnen leicht 
Fuss inmitten eines fremden Volkes, das Vertrauen kommt ihnen ent- 
gegen, und deutlicher als alle Glaubenssätze und -Lehren spricht die 
thatkräftige Hilfe, welche die milde Hand des Arztes in der Stunde der 
Angst und Noth zu bringen weiss. - ä- ' 
Wenn wir die Bewegung überblicken, welche der weibliche Unter- 
richt in Amerika seit kaum mehr als einem halben Jahrhundert gemacht 
hat, wenn wir die Entstehung und die Entwicklung der einzelnen Schulen 
und ganzen Schulsysteme in das Auge fassen. wenn wir die kurze Spanne 
Zeit überschauen, die zwischen der ersten Schreib- und Leseschule und 
dem Vassar College liegt, dann müssen wir uns aufrichtig gestehen, dass 
ein solcher Fortschritt unsern europäischen Kopf ein wenig schwindeln 
macht. Er ist nur aus den enormen Dimensionen des Landes, aus dem 
Schaffensdrang des amerikanischen Geistes, und aus den eigentliümlichen 
Culturverhältnissen zu erklären. 
Die Männer Amerikas arbeiten anders, und die Frauen lernen 
anders als die Männer und Frauen anderer Welttheile. Merkwürdig ist, 
wie sich im Kerne des scheinbar so kühlen und berechnenden Volkes die 
Begeisterung für idealere Ziele und Gedanken findet, merkwürdig das 
Zusammenströmen enormer Summen, das Entstehen der Schulpaläste, die 
wie auf ein Zauberwort sichtbar aus dem Boden wachsen, - und noch merk- 
würdiger als dies Alles ist die Zahl der Schülerinnen, der Tausende von 
jungen Mädchen. die Jahr um Jahr diesen Schulen zuströmen, in welc 
ihnen Aufgaben gestellt.werden, deren Erfüllung die volle Thatkraft des 
denkenden Menschen erfordert. 
Fortsequng auf der Beilbge. '
	        

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