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fullscreen: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

dessen Fortbildung nicht einmal die primitivsten Mittel 
angewendet werden, alle Mißstände unter einer Flut um 
richtig ausgelegter Verordnungen konserviert werden.“ 
So wird der Sträfling in Österreich gebessert: „Körper^ 
lieh zu gründe gehend durch Hunger, Krankheit, Simulations' 
beschuldigung, durch eine schwere stupide Arbeit, moralisch 
vernichtet durch einen steigenden tödlichen Haß wider diese 
grausam richtende Gesellschaft, ohne warmen Zuspruch, 
stets das höhnende Lachen derer, die sich in ihr Schicksal 
gefunden haben, im Ohr, nirgends Gnade findend, selbst 
bei idealer Besserung, umgeben von einer Aufseherschar, 
die ihre Günstlinge hat und ihre Antipathien ungeniert be- 
tätigt! 
Bei längerem Aufenthalt im Zuchthaus, der gewerblichen 
Arbeit entfremdet, durch Dunkelarrest und Fasten zur 
Heuchelei gedrillt, infolge sexueller Zwangsabstinenz in 
perverse Gelüste verirrt, abgeschnitten von jeder unkontroh 
lierten Verständigung mit der Außenwelt . . . Wahrhaftig, 
unsere Verbrecher sind degeneriert, gebrochen im Willen, 
sie würden sonst gegen die Methode, sie zu bessern, täglich 
revoltieren. 
BESSERN? Mancher kalte Zweifler hält solche Bestrebungen 
im Grunde wohl nur für weibisch^weichliche Faselei. Ver^ 
brecher ist Verbrecher, basta! Aber woher kommt es, daß 
sich unter den Richtern, die den Verbrecher eigentlich nur 
ein paar Stunden vor sich sehen, so viele Anhänger der 
Abschreckungs-- oder Hinrichtungstheorie finden, und unter 
den Strafanstaltsleuten, die Tag für Tag in engstem Kontakt 
mit den Verbrechern leben, so viele Gläubige der Besserungs 
theorien? Vielleicht sind die, die nur das Verbrechen vor 
sich sehen, doch die oberflächlich Orientierten gegenüber 
jenen, die den Verbrecher kennen lernen! Würde nur erst 
einmal die Probe aufs Exempel gemacht und der einzelne 
Sträfling nicht einer allseitigen Verwahrlosung, sondern 
einer weisen Fürsorgeerziehung teilhaftig werden, die stumpf 
sinnigen Bureaukraten würden Augen machen. Träte man 
dem Sträfling nur nicht stets mit dem lähmenden Gedanken 
entg-esren, daß man nur Halunkenstreiche von ihm erwarten 
dürfe!“ 
Von den „Inspektionsreisen“, die der Autor des Buches 
durch die Strafanstalten machte, um die Verhältnisse durch 
den Augenschein zu studieren, heben wir einige bezeich 
nende Stellen heraus, die von dem Garstener Strafhaus, 
einem ehemaligen Klosterbau, handeln. 
„Nach einem Rundgang sind wir wieder im Bureau des 
Herrn Verwalters, einem kleinen Saale von peinlichster 
Gewichstheit. 
„Ja, nun haben wir so ziemlich alles gesehen, den ersten 
und zweiten Stock, die Parterreräume, die Ökonomie.' 
Nun frage ich offen: „Korrektionszellen haben wir eigent 
lich noch keine besichtigt?“ 
„Korrektionszellen? Ja, richtig. Na, es ist nicht viel dran. 
Dann und wann ist es ja nötig zu strafen. Sie können 
sich denken, daß man gegenüber dieser Rasse, die wir hier 
in Garsten haben, strenge Zucht üben muß. Einmal habe 
ich einen NEUNZIG STUNDEN in der Korrektion lassen 
müssen, ehe er mürbe wurde. Aber im großen ganzen 
folgen die Leute. Manchmal, wenn so ein Sträfling ein 
geliefert wird und man liest die Anklageschrift, denkt 
man, daß muß ja einer sein, schwarz vor Niedrigkeit und 
Roheit, und hier ist er dann ein braver, williger, ruhiger 
Mensch.“ 
„Sind die Korrektionszellen im Keller?“ 
„Ja, im Keller und im dritten Stock. Es ist nichts Beson 
deres dort zu sehen. Wenn Sie durchaus wollen, zeige ich 
s’ Ihnen natürlich gern. Aber ich glaube, es ist nicht sehr 
interessant.“ 
„Dürft ich dennoch darum bitten?“ 
Also stehen wir ein zweitesmal auf und steigen, wieder 
vom Schlüsselgerassel begleitet, die Stiege hinunter, 
über lange Korridore, durch versperrbare Holzgitter. Mit 
einem Male stehen wir vor einer Kellertür. Ein Aufseher 
kommt mit einer Laterne, denn es ist hier stockfinster. Eine 
ganz schmale, gewundene, ganz unbeleuchtete Wendeltreppe 
führt in den Keller. Mit einem merkwürdigen Lächeln sagt 
der Aufseher: 
„Der Transport hier hinunter ist nicht immer sehr leicht.“ 
Éin fataler saurer Kellergeruch steigt einem hier in die Nase. 
Endlich sind wir die Stiege drunten. 
„So,“ sagt der Aufseher, „da ist die Korrektion.“ 
Da? Ich sehe nichts, es ist ja stockfinster. Der Aufseher 
leuchtet jetzt mit der Laterne herum. Aber das ist ja 
fürchterlich, denke ich. Das Wasser trieft ja hier von der 
Wand! Der ganze Boden ist feucht und kalt! Das ist ja gar 
kein gemauerter Raum, das ist eine unregelmäßig ausge 
hauene fensterlose Höhle! ... 
„Das ist hier der Leibring. An den werden sie gefesselt 
wie die wilden Tiere,“ erklärte der Herr Verwalter. Der 
Verwalter leuchtet mit der Laterne hin. Richtig, in der 
Höhe der Bauchgegend ist hier ein etwa handbreiter Ring 
an einer Kette angebracht. Daneben ein gleicher Ring! 
Leibringe in der Runde! „Dieser Ring wird dem renitenten 
Sträfling um den Leib geschnallt, am Ring sind Hand 
fesseln angebracht, da werden die Hände an dem Ring 
befestigt.“ Der Verbrecher hat das Gesicht der nassen, 
triefenden W^and zugekehrt und kann sich, da die Kette eng 
geschlossen ist, nicht zwanzig Zentimeter von der Wand 
entfernen. Die Hände, wie gesagt, sind in Handschellen am 
Ring gefesselt. 
„Wie lange kann diese Strafe dauern?“ fragte ich. 
„Bis zu acht Tagen.“ 
„Tag und Nacht?“ 
„Tag und Nacht ununterbrochen. Gewöhnlich genügt 
natürlich eine viel kürzere Frist, bis einer mürbe wird, 
übrigens muß man bei Verhängung dieser Strafe vorsichtig 
sein, weil schwächere Naturen dafür nicht geeignet sind. 
Wir schauen deshalb bei dieser Strafe immer alle halbe 
Stund’ oder alle Stund’ nach, wie’s mit dem Manne steht.“ 
Ich erinnere mich daran, daß mir oben gesagt wurde, daß 
ein Sträfling 90 Stunden — wie ich jetzt weiß, ununter 
brochen Tag und Nacht — hiehergebracht wurde! 
Wir stolpern über die Kellerstiege hinauf. Nicht mit einem 
Worte verrate ich meine Empörung über diese Strafzellen, 
an denen „nicht viel dran“ ist. Ich erbitte mir nur sofort 
ein Exemplar der Hausordnung, um nachzusehen, ob diese 
unglaubliche Methode der Bändigung darin offiziell fest 
gelegt ist. Im § 41 der Hausordnung lese ich folgende Auf 
zählung der Strafen: 
1. Ein Verweis unter vier Augen oder vor anderen 
Sträflingen. 
2. Zuweisung einer unliebsameren, schweren Arbeit. 
3. Zeitweise Entziehung der Nebengenüsse und sonstiger 
Begünstigungen. 
4. Entziehung der Morgensuppe. 
5. Fasten bei Wasser und Brot. 
6. Die Fesselung. 
7. Hartes Lager. 
8. Einzelhaft in der Korrektionszelle. 
9. Dunkelhaft. 
10. Versetzung in eine mindere Sträflingsklasse. 
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